Worms in Rheinhessen

Zur Geschichte von Worms

Wormser Dom von oben.[Bild: Luftbildagentur Alfons Rath]

von Gerold Bönnen

Die Stadt Worms liegt verkehrsgünstig und in einer fruchtbaren Landschaft an einer hochwasserfreien Uferstelle des nördlichen oberrheinischen Grabens. Spuren menschlicher Siedlungen reichen hier mehr als 5000 Jahre zurück. Seit der Zeit des Kaisers Augustus gehörte der Hauptort eines keltischen Stammesgebietes mit seinem Umland zum römischen Herrschaftsbereich. Der älteste überlieferte Name für die Stadt ist die keltische Bezeichnung 'Borbetomagus'. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts und damit nach dem Ende der römischen Herrschaft soll die Stadt Sitz eines kurzlebigen Burgunderreiches gewesen sein. Vermutlich seit der Mitte oder dem Ende des 4. Jahrhunderts war Worms Sitz einer Bischofskirche und Hauptort eines zwischen Kaiserslautern und dem Neckartal sich erstreckenden Bistums. Zur Zeit Karls des Großen (gest. 812) wurde Worms zum bevorzugten Pfalzort. Seit dem 10. Jahrhundert war die Stadt Sitz der mächtigen Herzogsfamilie der Salier, die ihre Grablege im Dom hatte. Die mit königlicher Unterstützung ausgebaute Stadtherrschaft der Bischöfegelangte in der Zeit von Bischof Burchard (1000-1025) zur vollen Ausprägung. Zu seinen wichtigsten Leistungen gehören stadtplanerische Maßnahmen und Bauprojekte, darunter in erster Linie der Neubau des Domes und die Förderung bzw. Neuerrichtung von Stiften.

Katholische Pfarrkirche St. Martin.[Bild: Torsten Schrade]

In einer Schwächephase der bischöflichen Herrschaft (ca. 1070 bis 1125) nahm die Bindung der Stadt an die salischen Kaiser und Könige sehr intensive Formen an. Diese fand ihren hervorragendsten Ausdruck in dem den Bewohnern von Worms von König Heinrich IV. im Jahre 1074 erteilten Zollfreiheits-Privileg. Die salischen und staufischen Herrscher förderten die wirtschaftliche und rechtliche Besserstellung der im Fernhandel tätigen Bürgerschaft und den Prozess der Gemeindebildung (Freiheitsprivileg 1184). Die mit Worms und der Region eng verbundenen Könige und die Bischöfe teilten sich die Herrschaft über die blühende, politisch zentrale Stadt. Zwischen 1125/30 und 1181 wurde der romanische Dom, eines der hervorragendsten Zeugnisse romanischer Baukunst auf deutschem Boden, erbaut. Im Jahre 1122 wurde hier das Wormser Konkordat geschlossen. Worms ist einer der wichtigsten Schauplätze des um 1200 niedergeschriebenen Nibelungenliedes.

Wesentlichen Anteil an der hervorragenden Entwicklung der Stadt hatte seit dem hohen Mittelalter die jüdische Gemeinde, die spätestens seit der Jahrtausendwende bestand und es aufgrund der Tätigkeit ihrer Mitglieder im Fernhandel zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Sie gehörte auch aufgrund ihrer geistig-religiösen Ausstrahlung zu den bedeutendsten Niederlassungen im deutschen Reichsgebiet. Eine jüdische Gemeinde bestand in Worms trotz Verfolgungen und Vertreibungsversuchen kontinuierlich bis in die NS-Zeit. Die erhaltenen baulichen Zeugnisse jüdischen Lebens (ältester Judenfriedhof Europas, älteste Synagoge auf deutschem Boden, Kultbad, ehem. Judenviertel, Jüdisches Museum) sind in Mitteleuropa einzigartig.

Mauerstück mit Torturm.[Bild: Torsten Schrade]

Worms nahm eine führende Rolle bei der Gründung und Organisation des Rheinischen Städtebundes (1254/56) ein und war im späten Mittelalter an zahlreichen Städtebünden beteiligt. Ausdruck dauerhafter wirtschaftlicher Blüte der Reichsstadt sind die im Laufe des Mittelalters von den Herrschern erteilten und bestätigten Messeprivilegien. Die Zünfte konnten im Laufe des 14. Jahrhunderts ihren Einfluß auf das politische Geschehen in der Stadt vergrößern. Das späte Mittelalter war gekennzeichnet von Konflikten zwischen dem Stiftsklerus und der Bürgerschaft, bei denen es vor allem um die Sonderrechte der Geistlichkeit ging. Der Rat baute ab 1491 das bürgerliche Zentrum um die 'Münze'repräsentativ aus. Herrschaftsansprüche gegenüber der Stadt bestanden seitens des Königtums, der Bischöfe und der mit ihnen eng verbundenen Pfalzgrafen, die seit dem hohen Mittelalter zu den in der Region dominierenden Territorialherren aufgestiegen waren. Zur Zeit des Bischofs Johann von Dalberg (1483-1503), als Worms sehr häufig als Ort von Reichstagen gewählt wurde, gelang es, den Status als freie Reichsstadt gegen die bischöflichen Ansprüche durchzusetzen. In seiner Blütezeit um 1500 besaß Worms mit seinen ca. 6-7000 Einwohnern neben zahlreichen Stiften und Klöstern neun Pfarreien und etwa 15 Kapellen sowie Spitäler und Klosterhöfe. Im Zuge der Regelung der umstrittenenkonfessionellen Fragen bildete sich im 16. Jahrhundert eine Mehrkonfessionalität heraus. Ab 1521, als Martin Luther auf dem Reichstag vor Kaiser Karl V. den Widerruf seiner Thesen verweigerte, überwog im Rat die lutherische Lehre. Die Existenz der Bischofskirche mit ihrem Klerus sowie die der meisten Stifte und Klöster blieb unangetastet.

Mit dem 16. Jahrhundert ging die Blütezeit der Stadt allmählich zu Ende und es begann ihr langer, stetiger Abstieg, der bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts angedauert hat. Neben dem Dreißigjährigen Krieg beschleunigte die verheerende Stadtzerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 den Niedergang der Reichsstadt. Symbol des Wiederaufbaues wurde die bis 1725 errichtete lutherische Dreifaltigkeitskirche. Nach 1689 wurde die alte Ratsverfassung wieder hergestellt, ohne daß es zu einer dringend nötigen Neuordnung der rechtlich verfassungsmäßigen und wirtschaftlichen Verhältnisse gekommen wäre. Der komplizierte Verfassungsaufbau und die umständliche Verwaltungsgliederung sowie die konfessionellenund rechtlichen Schranken innerhalb der Bewohnerschaft blieben erhalten. Im Jahre 1798 wurde die Stadt bis 1814 Teil der französischen Republik.

Durch die Auflösung der geistlichen Institutionen, durch das Verschwinden des Klerus unddie Aufhebung des Bistums (1801) erlebte die Stadt in den Jahren nach 1800 einen tiefgreifenden Wandel der Stadtgestalt. Im Jahre 1816 kam Worms mit der neuen Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen. Seit den 1830er Jahren hatte die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt neue Impulse erhalten. Es kam zur Gründung der ersten Leder- und Textilfabriken, obwohl bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Hauptgewicht der Wirtschaftnoch bei Landwirtschaft und Handel gelegen hatten. Die 50er und 60er Jahre brachten für Worms mit seinen ca. 10.000 Einwohnern Fortschritte im Hinblick auf eine weitere wirtschaftliche Festigung (1853 Eisenbahnanschluß, 1855 Schiffsbrücke über den Rhein). Äußeres Zeichen des immer stärkeren Hinauswachsens aus den überkommenen Umgrenzungen war die Errichtung des 1868 fertiggestellten Lutherdenkmals vor dem westlichen Stadtmauerbereich. Mit dem Inkrafttreten der hessischen Städteordnung von 1874 wurde eine starke Ausweitung der kommunalen Selbständigkeit erreicht. Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt stand im Zeichen der zur Weltgeltung aufsteigenden und bis zum Zweiten Weltkrieg klar dominierenden Wormser Lederindustrie. Der wirtschaftliche Aufschwung bis 1914 läßt sich an den Fortschritten im kommunalen Bauwesen, der rasanten Ausweitung der Tätigkeit der Stadt und den durch Eingemeindungen (seit 1898) und Bevölkerungszuwachs steigenden Einwohnerzahlen ablesen (1871: ca. 14.500, 1900: ca. 40.000, 1914: ca. 50.000).

Der ehemalige jüdische Friedhof.[Bild: Torsten Schrade]

Die Zeit nach 1918 brachte - auch infolge der bis Mitte 1930 andauernden französischen Besetzung des linken Rheinufers - schwere wirtschaftliche undpolitische Belastungen mit sich. Nach 1930 kam es in Worms zu einer tiefgreifenden Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse, in deren Gefolge die NSDAP immer stärker an Boden gewann. Zu den schrecklichsten Folgen der NS-Zeit gehört die Vertreibung bzw. Auslöschung der jüdischen Gemeinde und die Zerstörung ihrer ehrwürdigen, bis 1961 wiederaufgebauten Synagoge. Die jüdische Bevölkerung hatte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hervorragenden Anteil an der Aufwärtsentwicklung der Stadt.

Vor allem durch zwei verheerende Luftangriffe im Februar/März 1945 traf der Zweite Weltkrieg Worms schwer; die vornehmlich im Innenstadtgebiet wirksamen Zerstörungen stellten einen irreparablen Eingriff in die Stadtgestalt und wirtschaftlichen Grundlagen dar. Die Stadt kam zur französischen Besatzungszone und 1946 zum neu gegründeten Land Rheinland-Pfalz. Ungeachtet schwierigster Ausgangsbedingungen wurde der erneute Wiederaufbau der zerstörten Stadt vorangetrieben und die Neugewinnung einer wirtschaftlichen Lebensgrundlage angegangen. Dominierende Wirtschaftszweige der heute vielfältig auf den Rhein-Neckar-Raum hin ausgerichteten, durch hervorragende Verkehrsanbindungen gekennzeichneten Stadt mit derzeit ca. 83.000 Einwohnern, sind die chemische und kunststoffverarbeitende Industrie, die Möbelherstellung und die Bereiche Metall, Maschinenbau und Elektrotechnik. Bedeutung besitzen nach wie vor auch Weinbau und -handel. Ausgehend vom reichen geschichtlichen Erbe der Stadt gelang Worms in den vergangenen Jahren eine stärkere Hinwendung zum Tourismus; schließlich ist hier die Geschichte einer besonderen Stadt mit allen Höhen und Tiefen mit Händen zu greifen.

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Stefan Grathoff

Literatur:

  • Text entnommen aus <media>Boennen, Gerald: Kurzer Überblick zur Geschichte der Stadt Worms.</media>
  • Bönnen, Gerald: Geschichte der Stadt Worms. Stuttgart 2005.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 10: Stadt Worms. Bearb. v. Irene Spille. Worms 1992.

Aktualisiert am: 26.07.2016