Bingen in Rheinhessen

Die Binger Stadtbefestigung

Als Bingen im Jahr 355 von den Alemannen zerstört wurde, war der Platz bereits seit römischer Zeit befestigt gewesen. 765 werden die Mauern des "castrums" Bingens in einem Kaufvertrag erwähnt. Im Jahr 983 überließ Kaiser Otto II. Bingen dem Erzstift Mainz.
Die alten Befestigungsanlagen Bingens befanden sich im 12. Jahrhundert anscheinend in keinem guten Zustand mehr, denn zwischen 1138 und 1141 ließ Erzbischof Adalbert II. die Mauern und Gräben wieder herstellen und neue Türme errichten. Im Jahr 1165 wurde das mainzische Bingen vom Landgrafen Ludwig von Thüringen auf Befehl Kaiser Friedrichs I. Barbarossa zerstört. Die Mauern wurden offensichtlich zerstört, denn zum Jahr 1200 wird berichtet, Erzbischof Lupold habe im Streit mit dem Gegenerzbischof Siegfried II. die zerstörten Stadtmauern Bingens abermals herstellen lassen.

Belagerung Bingens im Jahr 1301

König Albrecht I. (1298-1308) geriet mit dem Mainzer Erzbischof und dem Pfalzgrafen bei Rhein in Streit, als er ihnen im Jahr 1301 verbot, Zölle entlang des Rheines von den Handelsreisenden und Handelsschiffen zu kassieren. Nachdem sich König Albrecht zuerst gegen den Pfalzgrafen gewandt hatte, eroberte er im Juli 1301 das mainzische Bensheim und die mit Mainz verbündete katzenelnbogische Burg Zwingenberg a. d. Bergstraße. Dann überquerte bei Oppenheim den Rhein, nahm im Vorbeimarsch die mainzische Burg Nieder-Olm ein und belagerte schließlich seit dem 13. August die Stadt Bingen. Über die Belagerung berichten mehrere zeitgenössische Chroniken, u.a. besonders ausführlich ein unbekannter Schreiber aus Colmar.
Erzbischof Gerhard II. (1289-1305) soll noch im letzen Moment versucht haben, die Verteidigungskraft der Stadt durch die Verpflichtung von Burgmannen zu stärken. Doch schon rückten die königlichen Truppen heran und begannen, die erzbischöflichen Ländereien im Umfeld der Rheinstadt zu verwüsten. Bingen war in dieser Zeit eine starke befestigte (munita valde) Stadt. Auf zwei Seiten durch den Rhein und die Nahe geschützt, konnte sie dort, so teilt der Colmarer Chronist mit, "nur unter Mühen und Gefahren von Schiffen aus angegriffen werden". Auf der dritten Seite stand die stark befestigte Steinburg (castrum forte in lapide), die - so hieß es - "nur unter großem Aufwand und hohen Kosten" unterminiert (subfodi) und erobert (expugnari) werden konnte. Die vierte Seite der Stadt war durch einen tiefen Graben, eine starke und hohe Mauer sowie durch Tore und Türme geschützt. Die Besatzung bestand, so fährt der Chronist fort, aus fünf Grafen mit ihren kampferprobten Gefolgsleuten sowie weiteren 500 Mann.
König Albrecht, dem 2.200 gut gerüstete Reiter und Fußvolk zur Verfügung standen, griff Bingen sowohl von der Wasser- als auch von der Landseite an. Auf der Rheinseite operierten zahlreiche Schiffe, die zu einer Schiffsbrücke verbunden wurden, und auf diese Weise einen Zugang zur Mauer eröffnen sollten. Die Entscheidung fiel aber auf der Landseite. Es gelang König Albrecht, die Stadt durch zwei Belagerungsmaschinen (vasa concava), die Spezialisten (artifices sapientes) gebaut hatten, zu erobern. Es handelte sich bei den beiden Belagerungsmaschinen um eine Katze (catta) und einen Krebs (cancer).
Die Katze wird als ein langes, viereckiges, niedriges Holzgerüst beschrieben, das oben durch starke Dachplatten und seitlich durch Eichen- und Eschenhölzer geschützt war, so daß von der Mauer herabgeworfene Steine keinen Schaden anrichten konnten. Die Katze, so berichtet der Chronist, sei leicht gewesen und konnte entsprechend bequem gezogen werden. Die Angreifer bauten eine Rampe über denStadtgraben und zogen die Katze vor die Mauern. Offensichtlich planten sie, im Schutz der Katze einen Stollen unter die Stadtmauer zu graben. Doch die Binger machten einen Ausfall und schoben die Katze in den Stadtgraben.
Daraufhin, so fährt der Chronist fort, schoben mehr als 100 Belagerer mühsam den schweren Krebs heran. In diesem massiv geschützten Holzhaus war ein schwerer langer Rammbalken mit breiter eisenummantelter Spitze an Seilen aufgehängt. Der Krebs wurde dicht an die Mauer gestellt und der Balken von zahlreichen Männern in Pendelbewegung versetzt. Mit wenigen Stößen wurden bereits die ersten Mauerteile zum Einsturz gebracht. Auf diese Weise gelang es auch, den (Tor-?)Turm so zu erschüttern, daß er einstürzte. Als die (ritterlichen) Verteidiger die Mauern fallen sahen, ließen sie alle Geräte (machinas et instrumenta) stehen und liegen, die sie zur Verteidigung Bingens gebaut hatten, und zogen sich rasch hinter die Mauern der Stadtburg zurück. Die königlichen Truppen strömten in die Stadt und umzingelten Burg Klopp. Sie schoben einen kleinen Krebs an die Burgmauer, um diese zum Einsturz zu bringen. Die Belagerten versuchten während eines Ausfalls die Katze zu zerstören, wurden aber mit 'Rauch und Gestank' zurückgetrieben. Als die Belagerten die Katze von der Burgmauer aus in Brand schießen wollten, geriet durch ihre Unachtsamkeit das Holzwerk der Burg in Brand und die Verteidiger mußten sich in den noch unversehrten Burgfried zurückziehen. Hier konnten sich die Verzweifelten aber nicht lange halten, da sie weder über Wasser noch Lebensmittel verfügten, und mußte sich nach wenigen Tagen ergeben. Am 25./26. September ergaben sie sich bedingungslos.

Die Binger Stadtbefestigung mit ihren Mauern und Gräben bildetete zusammen mit den Mauern der Burg Klopp eine zusammenhängende Befestigung. Von der im Süden der alten Stadt gelegenen Burg zogen von deren Ostseite die Mauern in gerader Richtung bis zum Rhein, dann im rechten Winkel umbiegend längs des Rheins bis zur Nahe, von da naheaufwärts und dann wieder rechtwinklig umbiegend zur Westseite der Burg.
Vor den Mauern zog sich ein tiefer Graben hin. Vier Tore durchbrachen den Graben, das Draistor nach Osten, das Salztor nach Norden, das Nahetor nach Westen und das Gautor gen Süden.
Die vier Tore wurden Anfang des 19. Jahrhunderts abgebrochen. An der Westseite der Burg hat sich ein Mauerrest mit rundem Turmstumpf erhalten. Ein weiterer Mauerrest findet sich nördlich hinter dem Krankenhaus an der Laurenzigasse.
Die Türme der Bingener Stadtbefestigung werden in der Binger Mauerbauordnung von 1552 erwähnt.

Die Binger Mauerbauordnung von 1552 - Aus dem Binger Ratsprotokoll aus der "zweiten Woche in der Fasten":

Im Jahr 1552 leisteten 32 Ortschaften der Umgebung von Bingen vor Amtmann und Rat der Stadt Bingen das Gelübde, der Stadt mit Bewaffneten beizustehen, wenn sie in Zeiten der Not von Richtern, Bürgermeister und Rat dazu aufgefordert würden.
Winzenheim und Bretzenheim hatten den Turm (Erker) Geierslei unten am Schloss nach der Gaupforte zu instand zu halten (zu bauen), zu bewachen und mit 4 Mann zu bemannen.
Aspisheim hatte den daran anschließenden Turm (Erker) instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Gensingen hatte den dritten Turm, den "Genzinger Thurm", instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Langenlonsheim hatte den vierten Turm, die Gaupforte, instand zu halten (zu bauen) und mit vier Mann zu bewachen.
Büdesheim hatte den fünften Turm, den Büdesheimer Turm, instand zu halten (zu bauen) und mit vier Mann zu bewachen.
Münster, Sarmsheim und Rümmelsheim hatten den sechsten Turm, den "Kustorserker" genannt, instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.Grolsheim, Sponsheim und Dietersheim hatten die achte Wacht, die nächste oben am Kapitelhaus, instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Ippesheim und Planig hatten die neunte Wacht, Nahpforte genannt, instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Kempten hatte die "Salzpfort" instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Gau-Algesheim hatte die elfte Wacht, den Rochenthurm, instand zu halten (zu bauen) und mit 4 Mann zu bewachen.
Gaulsheim sollte die Wacht und den Turm über dem "Kebigen" instand halten (zu bauen) und mit 4 Mann bewachen.
Ockenheim sollte die Dreußpforte instand halten (bauen) und mit 4 Mann bewachen.Appenheim und Ober-Hilbersheim sollen die vierzehnte Wacht zwischen dem Schloß und der Dreußpforte instand halten (bauen) und mit 4 Mann bewachen.
Folgende Dörfer, die nicht auf Türme beordert waren, sollten jederzeit von Bürgermeister und Rat nach Belieben eingesetzt werden können: Gauböckelheim, Dromersheim, Horrweiler, Sponsheim mit Biebelsheim, Laubenheim, Heddesheim auf der Güldenbach, Waldalgesheim, Genheim mit Erbach, Warmsroth mit Roth.
Jedes Dorf sollte vier Mann entsenden, Oberheimbach sogar zehn Mann. Die nach Bingen gesandte Mannschaft erhielt in Bingen Quartier (Wirtshäuser). Sie waren dann von jeglichen Zollabgaben befreit und konnten alle Waren zollfrei in Bingen ein- und ausführen, außer dem Wein. An den Pforten mussten sie wie die Binger Bürger kein Weggeld zahlen. Kein Auswärtiger durfte sie oder ihre Güter in Bingen festsetzen. Geriet ihr Heimatdorf während ihres Einsatzes in Gefahr, konnten sich die Einwohner mit ihrem Hab und Gut sowie dem Vieh nach Bingen flüchten und durften sich im Schutz der Mauern bis zum Ende der Fehde aufhalten. Dann sollten sie mit ihrem Besitz wieder frei abziehen dürfen.

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Stefan Grathoff, Ann-Kathrin Zehender

Verwendete Literatur:

  • Pabst, Hermann (Hrsg.): Annales Colmarienses. Annalen und Chronik von Kolmar. 3. unveränd. Aufl. Leipzig 1940.   
  • Engelhardt, Rudolf: 1301: Kampf um Bingen. In: Binger Annalen 14 (1977), S. 3-24.
  • Seemüller, Joseph (Hsg.): Ottokars österreichische Reimchronik. Nachdr. Zürich 1980.
  • Weidenbach, Anton Joseph: Regesten der Stadt Bingen, des Schlosses Klopp und des Klosters Rupertsberg. Bingen 1853.

Aktualisiert am: 15.05.2014