Nieder-Olm in Rheinhessen

0.2000 Jahre wechselvolle Geschichte - Nieder-Olm von den Anfängen bis 1945

Eine über 2000-jährige Geschichte prägt die Region um Nieder-Olm. Für die Zeit bis zum Ende der französischen Herrschaft im Jahre 1814 ist die Geschichte Nieder-Olms gut aufgearbeitet. Dies ist das Verdienst der von Hans-Valentin Kirschner initiierten und von Karl-Heinz Spieß herausgegebenen Geschichte des Raumes der Verbandsgemeinde aus dem Jahre 1983, ebenso der auf intensiven Quellenrecherchen beruhenden Geschichte des Amtes Olm von Gottfried Kneib. Und nicht zuletzt hat der Nieder-Olmer Stadthistoriker schlechthin, Peter Weisrock, in zahlreichen Publikationen Wesentliches dazu beigetragen. Für das 19. und 20. Jahrhundert fehlen allerdings – von Ausnahmen abgesehen – umfassende Studien. So kann das Ziel der folgenden Ausführungen nur sein, die Grundzüge der historischen Entwicklung und ausgewählte Aspekte der Nieder-Olmer Geschichte von den Anfängen bis 1945 zu schildern.

0.1.Die Anfänge – der Raum um Nieder-Olm in römischer und fränkischer Zeit

Olm bzw. Ulmena erscheint in den schriftlichen Quellen erstmals im Jahre 994, Nieder-Olm gar erst im Jahre 1143/53. Dennoch ist klar, dass Menschen im hiesigen Raum schon viel früher gesiedelt, und dass auch die Siedlungen Ober- und Nieder-Olm schon lange vorher existiert haben. Die günstigen klimatischen Bedingungen des Raumes um Nieder-Olm sorgten dafür, dass es hier schon seit der Jungsteinzeit (ab ca. 5000 v. Chr.) eine kontinuierliche Besiedlung gab (vgl. hierzu den Beitrag von Ronald Knöchlein).

Unter Kaiser Augustus fassten die Römer den Plan, Germanien bis an die Elbe zu erobern. Als Platz für eines der Basislager zur Umsetzung ihrer militärischen Pläne wählten sie die strategisch günstige Anhöhe am Rhein gegenüber der Mainmündung, wo sie 12/13 vor Christus ein Legionslager anlegten. Diese Entscheidung sollte die Region um die heutige Stadt Nieder-Olm bis heute prägen, denn über alle Jahrhunderte hinweg hat die Nähe zur Metropole Mainz die Geschicke des Ortes bestimmt. Zeitweise waren hier in römischer Zeit über 20.000 Soldaten stationiert ‒ zusammen mit dem dazugehörigen Tross eine gewaltige Anzahl von Menschen und ein immenser militärischer sowie wirtschaftlicher Faktor. Das römische Mogontiacum war Truppenstandort und Zivilsiedlung zugleich. Bäuerliche Betriebe, villae rusticae, die in der Regel von Veteranen der römischen Legionen bewirtschaftet wurden, dienten der Versorgung der Stadt. Weitaus die meisten Menschen lebten in dieser Zeit auf dem Lande. Nieder-Olm profitierte in römischer Zeit von seiner verkehrsgünstigen Lage am Übergang der römischen Straße nach Mainz über die Selz. Im 5./6. Jahrhundert brach die römische Herrschaft am Rhein zusammen. Nutznießer des Machtvakuums nach dem Abzug der römischen Truppen waren die Franken, die sich im Streit um die Vorherrschaft in unserer Region gegen die Alamannen durchsetzten. Dies wird, auch wenn es sich um drei Schlachten handelte, gerne mit der Schlacht bei Zülpich 496 verbunden. Der Sieger Chlodwig (482‒11) nahm nach der Schlacht – in auffallender Parallele zum römischen Kaiser Konstantin (312) – das Christentum an.

Der Raum Olm wurde sehr wahrscheinlich schon in der ersten Phase der sogenannten „fränkischen Landnahme“ besiedelt. Die Franken ließen sich bevorzugt in Hanglage am Rande des bebaubaren Ackerlandes nieder, ihre Friedhöfe legten sie oberhalb der Siedlungen in Form von Gräberfeldern an. Schon damals wurden die Grundlagen unserer heutigen Siedlungsstruktur gelegt. Die von den Franken gegründeten Orte erkennt man an ihren Namen, an der Kombination von Personennamen mit der Endung „-heim“. Nach dem Ende der römischen Herrschaft dürfte schon im 6. Jahrhundert eine neue staatliche und kirchliche Organisation entstanden sein.

Wenn die Region von den Franken besiedelt wurde, warum führen die Orte Nieder- und Ober-Olm nicht auch die Endung „-heim“ in ihrem Namen? Die Sprachwissenschafter sind sich darüber einig, dass der Name „Olm“ älter ist. Die Germanen, die sich hier schon im 5. Jahrhundert aufgrund der besonders verkehrsgünstigen Lage niederließen, nannten den Ort Ulmene. Dies ist die germanische Bezeichnung für ein Gewässer bzw. eine bestimmte Stelle eines Gewässers, im vorliegenden Fall der Selz. Der heutige Name der Selz leitet sich allerdings von Salusa ab, ist keltisch und damit noch älter. Offensichtlich hatten die Germanen damals keinen Kelten gefragt, wie der Fluss, an welchem sie ihre Siedlung anlegten, hieß.

0.2.„Unter dem Krummstab lässt sich gut leben“? – Nieder-Olm unter geistlicher Herrschaft ca. 500‒1792

Der Satz „Unter dem Krummstab lässt sich gut leben“ stammt aus dem 18. Jahrhundert und meint, dass das Leben unter geistlicher Herrschaft im Vergleich zu anderen Potentaten erträglicher war. Dazu muss man wissen, dass ‒ dies war typisch für das Alte Reich ‒ geistliche und weltliche Herrschaft zwei Seiten der gleichen Medaille waren. Der Mainzer Erzbischof leitete als geistlicher Würdenträger ein Bistum und herrschte gleichzeitig als weltlicher Fürst über ein Territorium, das Erzstift. Nieder-Olm gehörte über eine Zeitspanne von über 1000 Jahren – mit kleinen Unterbrechungen – zum Mainzer Erzstift bzw Kurstaat; Kurstaat deshalb, weil der Mainzer Erzbischof auch „Kurfürst“ war, d.h. eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Königserhebung spielte.

Wie kam nun Nieder-Olm in Mainzer Besitz? Ursprünglich gehörte wie oben erwähnt der hiesige Raum in der Nachfolge der Römer den fränkischen Königen. Da sich die Kirche als zuverlässiger Partner der fränkischen Könige bewährt hatte, beschenkten die fränkischen Könige nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“ die Vertreter der Kirche, d.h. die Bistümer, in reichem Maße, damit sie ihren Verpflichtungen dem Reich gegenüber nachkommen konnten. Es lässt sich urkundlich nicht belegen, aber der reiche Besitz des Mainzer Erzstifts und der alten Mainzer Stifte und Klöster in der Region in späterer Zeit spricht eine deutliche Sprache. Damals muss der Mainzer Erzbischof an einen großen, geschlossenen Besitzkomplex im Bereich Ober- und Nieder-Olm sowie Klein-Winternheim gekommen sein. Der Mainzer Erzbischof dürfte auch die Kirchen in Ober- und Nieder-Olm gegründet haben. St. Georg, der Patron der Nieder-Olmer Kirche, war der Lieblingsheilige des Mainzer Bischofs Sidonius († nach 580), dem die Ober-Olmer Kirche geweiht ist, ist der Patron des Mainzer Domes.

 

Nachdem der Ort schon nahezu 500 Jahre existiert hatte, taucht er endlich auch in der schriftlichen Überlieferung auf. Eine Urkunde aus dem Jahre 994 berichtet über ein ca. 100 Jahre zurückliegendes Tauschgeschäft des Mainzer Erzbischofs Hatto I. (891‒913). Hatto ist jener „Mäuseturm-Hatto“, von dem die Sage erzählt, dass der hartherzige Mann von Mäusen im Binger Mäuseturm, wohin er sich geflüchtet hatte, aufgefressen wurde. Hatto war wohl weniger hartherzig als vielmehr politisch geschickt. Er hatte beste Beziehungen zum deutschen König, sicherte beim Tod des Königs Arnulf (ca. 850‒899) im Jahre 899 dessen Sohn die Königsherrschaft und stellte der Witwe Uta seinen Hof Ulmena auf Lebzeiten zur Verfügung. Hier zeigt sich der enorme politische Einfluss und die Nähe des Mainzer Erzbischofs zum Königtum, welche die Geschichte von Mainz und der Region über Jahrhunderte bestimmen sollten. Dieser Hof, darüber ist sich man sich inzwischen einig, lag im Bereich des heutigen Ober-Olm.

Spätestens seit dem 11. Jahrhundert besaß das Mainzer Domkapitel – so ein Verzeichnis der Einkünfte des Hofes, welches auf Erzbischof Bardo (1031‒1051) zurückgeht – einen Hof in Nieder-Olm. In einer Urkunde von 1143/53 wird erstmals ausdrücklich zwischen Ober- und Nieder-Olm unterschieden, als von Liegenschaften die Rede ist, welche in villa, que dicitur inferior Vlma und in villa, que dicitur superior Vlma liegen. Und dann wieder 1167: In diesem Jahr schenkte der Mainzer Dompropst Christian von Buch seine Kirche de inferiori villa Hulmene dem Mainzer Domkapitel aus Dankbarkeit für die Unterstützung bei seinen Bemühungen um den Mainzer Erzbischofsstuhl. Christian von Buch, der an der Seite Friedrichs Barbarossa auf dessen Italienzug 1167 in vorderster Linie mitkämpfte, wurde während des Zuges in Italien am 4. März 1167 zum Priester und einen Tag später zum Erzbischof geweiht.

In dieser Zeit verschob sich der Schwerpunkt nach Nieder-Olm. Nieder-Olm war Nutznießer eines allgemeinen Phänomens, das man in der Geschichtswissenschaft als „Territorialisierung“ bezeichnet. Seit dem 11./12. Jahrhundert bemühten sich die Landesherren, ihre traditionell von personalen Bindungen geprägte Herrschaft in eine Gebietsherrschaft umzuwandeln. Daher entstand das Bedürfnis, sich einen Überblick über sein Gebiet zu verschaffen. So beauftragte der Mainzer Erzbischof Daniel Brendel von Homburg (1523‒1582) im Jahre 1575 den Geometer – Vermesser würde man heute sagen ‒ Gottfried Mascop, eine Beschreibung seines Territoriums anzufertigen. Glücklicherweise fing Mascop mit der unmittelbaren Umgebung von Mainz an, und so entstanden 1577 der erste Plan der Region und der erste Plan des Ortes Nieder-Olm.

 

Darüber hinaus war es auch notwendig, sein Territorium zu schützen. Der Macopsche Plan dokumentiert den wehrhaften Charakter Nieder-Olms mit Burg und Dorfmauer. Das Bild gibt bereits den Nachfolgebau der Laurenziburg von 1503 wieder. Die erste Burg – ihr Name Laurenziburg geht auf die dem heiligen Laurentius geweihte Kapelle im Burgbereich zurück – war spätestens 1283 fertig; denn in diesem Jahr unterzeichnete der Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein (1259‒1284) in der Burg eine Urkunde und man kann davon ausgehen, dass er dies kaum auf einer Baustelle gemacht haben dürfte. Der Anlass war allerdings kein Rühmlicher: Ritter Herbort, genannt Ring von Olm, hatte die Mainzer Juden eines Ritualmordes an seinem Enkel bzw. Neffen beschuldigt, und Werner versuchte zu vermitteln. Antisemitismus in den Landgemeinden ‒ nicht nur in Nieder-Olm ‒ zieht sich wie ein roter Faden durch alle Jahrhunderte. Die Landjuden waren die Ärmsten unter den Armen. Ausgeschlossen vom Grundbesitz wussten sie oftmals am Abend nicht, wie sie den nächsten Tag überstehen sollten.

 

In dieser Zeit dürfte auch das Amt Olm entstanden sein, welches 1318 erstmals als solches (officiatum de Olmena) erwähnt wird, und dessen Hauptort Nieder-Olm wurde. Das Amt, zu welchem zunächst Ober-Olm, Nieder-Olm und Klein-Winternheim gehörten, dehnte seinen Geltungsbereich später weiter aus. Seit über 700 Jahren verfügt Nieder-Olm somit über eine Zentralfunktion. Die Burg diente dem Schutz des Ortes Nieder-Olm, des Amtes und darüber hinaus. Außerdem war die Laurenziburg ein Stützpunkt des Erzbischofs gegenüber den Bürgern der Stadt Mainz. Denn spätestens seit dem 13. Jahrhundert behaupteten die Mainzer Bürger sich als eigenständige Macht in der Stadt, die sich gegen Erzbischof und vor allem Domkapitel durchzusetzen suchte.

Die Burg unterstand einem Burggrafen, der als Stellvertreter des Erzbischofs fungierte. Aus den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts datieren die ersten sicheren Belege für Olmer Burgpersonal, sogenannte Burgmannen. Es waren immerhin 14 – viel im Vergleich zu den meisten Burgen, wenig im Vergleich zu den großen pfalzgräflichen Amtsbezirken Alzey (60) und Oppenheim (43). Seit dieser Zeit blieben Burg und Amt, auch wenn Sie zwischendurch aufgrund der Mainzer Finanznöte an finanzstarke Partner verpfändet waren, bis zum Ende des Alten Reiches im Besitz des Mainzer Erzbischofs.

Landesherrschaft und Burg stellen gleichsam die Perspektive von oben dar. Wie ging es aber dem „einfachen Nieder-Olmer“? Zunächst die Frage: Wieviele Nieder-Olmer gab es überhaupt? Statistisches Interesse erwachte im deutschsprachigen Raum erst im 19. Jahrhundert. Davor gab es nur gelegentliche, zweckorientierte Zählungen. Um 1500 hatte Nieder-Olm 115 Häuser, vor 1618 102 Herdstätten. Mithin dürfte – vorsichtig geschätzt ‒ der schon im 16./17. Jahrhundert mit über 500 Einwohnern eine respektable Siedlung gewesen sein. 1668 nach Krieg und Pest waren nur noch 49 Herdstätten und 210 Einwohner zu verzeichnen. Die Einwohnerzahlen sind bis ins 19. Jahrhundert hinein von starken Schwankungen geprägt. Die Menschen waren damals viel stärker Krankheiten und Kriegen ausgesetzt als heute. Gerade in Zeiten, in welchen Krankheiten, Hunger und Krieg zusammenkamen, hatte die Bevölkerung zu leiden. Nichts umsonst betete man damals: „A peste, fame et bello libera nos domine!“ – „Vor Krankeit, Hunger und Krieg, bewahre und o Herr!

Nieder-Olm lag im Einzugsbereich der Festung Mainz und verfügte selbst über Burg und Dorfmauer. Befestigungen konnten Fluch und Segen sein. Schon seit römischer Zeit war die Stadt Mainz von einer Festungsmauer umgeben, die auch in nachrömischer Zeit laufend ausgebaut wurde. Die Stadt bot den umliegenden Gemeinden Schutz im Kriegsfalle, dafür verpflichteten sich diese, eine ‒ je nach Größe bzw. Wirtschaftskraft der Gemeinde – bestimmte Anzahl von Zinnen der Befestigung instand zu halten. Olmena et ville, que illuc pertinent, also Olm und die dazugehörigen Dörfer, hatten 24 Zinnen (ca. 77 Meter der Mauer) zu unterhalten. Die Mauerbauordnung ist zwar lediglich in einer Abschrift aus dem 15. Jahrhundert erhalten, dürfte aber auf die Zeit des 10./11. Jahrhunderts zurückgehen, als man noch nicht zwischen Ober- und Nieder-Olm differenzierte. Über den Schutz in Kriegszeiten hinaus gewährte die Stadt Mainz den umliegenden Gemeinden das Recht, Waren zollfrei auf dem Mainzer Markt kaufen und verkaufen zu können. Hier zeigt sich schon, was das Schicksal von Nieder-Olm über Jahrhunderte hinweg bestimmen sollte: In Friedenszeiten war die Stadt attraktiv für den Handel. In Kriegszeiten zog die Festungsstadt den Konflikt an, und die Landgemeinden wurden geplündert und zu Kriegsdiensten herangezogen. Und wer sich vor dem heranrückenden Feind in die Festungsstadt geflüchtet hatte, saß in der belagerten Stadt in der Falle und kam nicht mehr heraus. Was für Mainz gilt, trifft auch auf Nieder-Olm zu. Der Ort war von einem Ring von Mauer und Graben umgeben. Die Mauer bot Schutz gegen Räuberbanden aber nicht gegen große Heere. Für die Verteidigung war der Burggraf zuständig. Die Erfahrung zeigte, dass dieser nur unvollkommenen Schutz bieten konnte. Viele Ortsbewohner bewaffneten sich selbst ‒ das zeigen die erhaltenen Musterungslisten ‒, von einer wirkungsvollen Verteidigung war man jedoch weit entfernt. Die militärischen Konflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Nieder-Olmer Geschichte. In den Kirchenbüchern finden sich immer wieder Hinweise auf Kriegsgefahr. 1734 überfielen z.B. aus heiterem Himmel 8.000 französische Soldaten, die im Winterlager in Worms lagen, Nieder-Olm und plünderten den Ort.

Der Nieder-Olmer Amtmann hatte die erzbischöflichen Untertanen nicht nur zu schützen, sondern er wachte auch über deren Lebenswandel. Offensichtlich saßen die Zeitgenossen schon im 16. Jahrhundert gerne in den Wirtshäusern. Eine Weinglocke machte die Zecher auf die Sperrstunde aufmerksam. Wer sich nicht daran hielt landete im Turmgefängnis oder erhielt eine Geldstrafe. In einem Gebot des Amtmanns Heinrich von Selboldt von 1590 heißt es: „Zum anderen, nachdem befunden, daß bey nacht in den wirtsheußern die Pauren über die Zeit viel übersitzens mit spielen, fressen undt sauffen, dadurch allerley Fluchen und scheltdtwort entstehen, so soll niemand über die weinglock sich in den wirtsheußern oder anderen heußer finden laßen, bey thurn und geldtstraf, auch den wirten solches mit eingebunden sein soll.“

Über die Pflichten der Nieder-Olmer gegenüber ihrem Ortsherren unterrichtet schon ein Besitzverzeichnis von 1390, Gottfried Mascop zählte sie in seiner Amtsbeschreibung von 1577 auf und verschiedene, sogenannte „Jurisdiktionalbücher“ informieren genau darüber. Nach Dreißigjährigem Krieg (1618‒1648) und Pest von 1666 wollte der Mainzer Erzbischof wissen, was von seinem Territorium bzw. seinen Einnahmen übrig geblieben war. Laut Jurisdiktionalbuch von 1668 hatten die Nieder-Olmer folgende Abgaben zu leisten und Dienste zu verrichten: Renten an Geld und Früchten, Schatzung (Die Schatzung war eine jährliche Abgabe an den Landesherren, die in der Höhe der Summe des Kapitalvermögens der jeweiligen Untertanen entsprach.), Türkensteuer (Die Türkensteuer war eine allgemeine Vermögens- und Kopfsteuer), Bede (Die Bede war eine Abgabe, die vom Grundbesitz abgeleitet wurde.), Landzoll und Güldezoll (Abgabe für Wein), Ungeld von ausgezapftem Wein (Das Ungeld war eine Umsatzsteuer, die auf Wein erhoben wurde.), Accis (Accis war eine Schanksteuer auf Wein), Judenschutz bzw. –zoll, Reise, Musterung, Folge (Die Nieder-Olmer waren zu Kriegsdiensten verpflichtet.), Fron und Dienste (eine Abgabe pro Familie entsprechend der Größe des landwirtschaftlichen Betriebes), Baupflicht an der Kirche (Die Nieder-Olmer waren verpflichtet, Turm, Nebenbau und Beinhaus zu unterhalten), Großer Zehnt (Frucht- und Weinzehnt gingen an das Domkapitel.), Kleiner Zehnt (Kraut- und Rübenzehnt waren an das Domkapitel; Lämmer, Spanferkel und Gänse an den Pfarrer abzugeben.), Gerichtsstrafen (bei ungeziemlichem Reden vor Gericht), Besthaupt (wurde beim Tode eines Untertanen fällig und in Geld geleistet, war somit eine Art Erbschaftssteuer.), Fastnachtshühner (Abgabe des Leibeigenen an den Leibherrn), Einzugsgeld (wenn jemand sich neu im Ort niederließ). Jagd- und Fischrechte gehörten dem Landesherrn, ebenso die Schlossmühle, die Weide überließ er den Bürgern zur Nutzung. Dies alles mutet immens viel an. Dass Untertanen Steuern entsprechend ihren Einkommensverhältnissen zu zahlen hatten, ist erst von Adam Smith 1776 als Grundsatz formuliert worden. Dennoch waren die Lasten offensichtlich in den geistlichen Territorien vergleichsweise milde. Die Redensart „Unter dem Krummstab lässt sich gut leben“ hatte durchaus seine Berechtigung. Allerdings darf man nicht unsere heutigen Maßstäbe von „gut leben“ anlegen.

0.3.Auf dem Weg in die Moderne – Nieder-Olm in französischer Zeit 1792‒1814

Am 14. Juli 1789 stürmte eine aufgebrachte Menge die Bastille, ein ehemaliger Teil der Stadtbefestigung, der als Gefängnis genutzt wurde. Der Sturm ist eine Legende, denn der Kommandant übergab das Gebäude freiwillig. Außerdem saßen in dem ehemals berüchtigten Gefängnis nur sieben Leute ein: vier Urkundenfälscher, zwei Geisteskranke und der adlige Schriftsteller und Pornograph Marquis des Sade, den seine eigene Familie dort hat einsperren lassen. Aber es ist der symbolische Auftakt von revolutionären Ereignissen, die wir heute als „Französische Revolution“ bezeichnen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und dürfte auch bald in Nieder-Olm angelangt sein. Die Pfarrer des Ortes waren traditionell politisch interessiert und schrieben Chroniken der Ereignisse zum Teil in die Kirchenbücher. Darüber hinaus gab es in Mainz, insbesondere an der Universität, eine Gruppe von Intellektuellen, die sich mit systemkritischen Gedanken beschäftigten. Wie sehr die Pariser Ereignisse das Leben – und zwar alle Lebensbereiche ‒ verändern würde, konnte 1789 niemand ahnen.

Als die Franzosen 1792 von Landau kommend auf Mainz zumarschierten, war der Schrecken groß. Am 19. Oktober trafen französischen Truppen in Nieder-Olm ein. Im Wirtshaus des Zollbeamten Leiden gab es einen starken Völkerüberfall. Die Franzosen verlangten von ihm vehement Heu, Stroh und Branntwein. Ihr Verhalten entsprach jedoch nicht den Befürchtungen. Die Franzosen wollten den legalen Übergang in eine neue Form der Gesellschaftsordnung. Die Menschen in den besetzten Gebieten sollten sich frei entscheiden können. Solange sie sich nicht gegen das Ancien Régime entschieden hatten, sollten die alten Rechts- und Besitzverhältnisse erhalten bleiben. Der französische General Custine erklärte wohl die alte Landesregierung für abgesetzt und setzte eine „Allgemeine Administration“ ein, doch die Mittel- und Unterbehörden auf dem Land blieben im Amt. In Nieder-Olm amtierte ein „provisorisch beibehaltenes Vogteiamt“, und auch die Schultheißen amtierten weiter. Sie datierten jetzt eben nach dem neuen französischen Kalender.

In Nieder-Olm wurden die politischen Ereignisse traditionell im Wirtshaus des Zöllners Leiden bei einem Schoppen Wein diskutiert. Mancher nutzte die Gelegenheit, um politisch Karriere zu machen, wobei man sich auffallend rasch der neuen demokratischen Instrumentarien bediente. Georg Gabel, Jahrgang 1751, seit 1772 verheiratet mit Apollonia (geb. Seeger) und bis 1792 Vater von sieben Kindern, war Feldmesser und Gemeindevorsteher. Gemeinsam mit Schneidermeister Anton Baumgärtner und Zollknecht Bartholomäus Heinermann beschloss er, auch in Nieder-Olm einen Freiheitsbaum aufzustellen. Der Hintergrund war sowohl die Begeisterung der drei für die Ideen der Französischen Revolution, als auch der durchaus praktische Aspekt, nämlich das Bestreben, die Kriegslasten möglichst zu verringern. Die Fichte für den Freiheitsbaum bezog man selbstverständlich aus dem herrschaftlichen Wald. Am 10. Dezember 1792 wurde unter den Klängen der Marseillaise der Freiheitsbaum vor der Kirche aufgestellt. Der Mainzer Notar Bittong hielt eine Rede, die Anwesenden unterzeichneten eine Erklärung zur fränkischen Konstitution und es gab – wie konnte es anders sein ‒ Weck und Wein.

Das nächste Ziel Gabels war die Absetzung des Schultheißen Müller. Dazu verfasste er eine Klageschrift, die von 18 Nieder-Olmern unterzeichnet wurde, die er jedoch als Vorstellung der ganzten Gemeind Niederohlm bezeichnete. Darin wurde dem Schultheiß vorgeworfen, dass er zu häufig verreist gewesen, ein Grobian sei sowie seine Kollegen und Untergebenen schikaniere. Auf der Gemeindeversammlung am 28. Dezember 1792 wurde Müller abgewählt, und von 78 anwesenden Nieder-Olmern entschieden sich 52 für Gabel als neuen Schultheißen.

Ab Ende 1792 führte die Mainzer Administration eine Verfassungsabstimmung durch. Kommissare der Zivilverwaltung besuchten die kurzmainzischen und ritterschaftlichen Orte in Rheinhessen, ließen die Schultheißen der Gemeinde zusammenrufen und legten ihnen eine Erklärung zur Unterschrift vor. Zweck der Erklärung war, das Ancien Régime durch eine gewaltlose „Revolution“ zu beseitigen und das Land an Frankreich anzuschließen. In den Gemeinden der Amtsvogtei Nieder-Olm wurde diese Abstimmung vom 18. bis 23. Dezember 1792 durchgeführt. Von 79 in Nieder-Olm anwesenden Bürgern unterschrieb nur ein einziger nicht. Nieder-Olm gehörte zu den Orten mit der größten Zustimmung. Dies war nicht in allen Orten so: Die Sörgenlocher bedankten sich und wollten erst einmal abwarten, wie sich die Nachbarn entschieden. Die Zornheimer weigerten sich geschlossen zu unterschreiben. Durch die Eroberung seien sie sowieso schon Franken.

In Nieder-Olm war die Zustimmung für die Revolutionäre vergleichsweise hoch. Waren die Nieder-Olmer besonders revolutionär? Eher nein ‒ wohl gab es Unzufriedenheit, so waren z.B. die Bauern mit dem Gemeinderechner nicht zufrieden, aber revolutionär war man nicht. Die Anwesenheit neuer Machthaber in Mainz führte dazu, dass sich Kritik, die sich seit langem im Verborgenen regte, nun offen geäußert wurde. Die sonst übliche Botmäßigkeit war nicht mehr selbstverständlich. Der hohe Grad an Zustimmung ist nicht Ausdruck einer revolutionären Haltung, sondern einfach als Huldigung der Nieder-Olmer an die neuen Machthaber zu verstehen, wie man es seit alters gewohnt war.

Die Franzosen hatten sich die Revolution in den eroberten Gebieten anders vorgestellt. Sie waren davon ausgegangen, dass die revolutionären Ideen in allen Bevölkerungsschichten auf fruchtbaren Boden fallen würden. Mainz und Umgebung waren jedoch nicht Paris. So gingen die Franzosen dazu über, der rheinischen Bevölkerung mit Zwangsmaßnahmen zu ihrem Glück zu verhelfen. Mit dem Gesetz vom 15. Dezember 1792 änderte sich die Besatzungspolitik: Die Selbstbestimmungsdoktrin wurde aufgeben und man suchte die französische Verfassung notfalls mit Gewalt einzuführen.

Im Januar 1793 begannen die Wahlvorbereitungen: Zunächst musste die Zahl der Wahlberechtigten – alle Männer über 21 Jahre – festgestellt werden. Anfang Februar erschien die offizielle Wahlordnung, Mitte des Monats die Verordnung zum Eidzwang. Am 18. Februar begann die „Munizipalisierung“, d.h. die Wahl von Ortsverwaltungen nach französischem Vorbild. In Nieder-Olm fand die Wahlversammlung am 27. Februar 1793 statt. Die Zuständigen im Ort waren damals Amtsvogt Schmitt, Schultheiß Gabel und Pfarrer Jakobi. 35 Nieder-Olmer schworen den Eid „dem Volke und den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu sein“. Die neue Ortsverwaltung „Munizipalität“ bestand aus dem Maire Gabel, seinem Stellvertreter, dem Gemeindeprokurator Bartholomäus Heinermann, dem Munizipalbeamten Anton Baumgartner und dem Sekretär Bernhard Schreiber. Abgeordneter für den Nationalkonvent war ebenfalls Gabel.

Gabel wollte – zusammen mit dem französischen Offizier Winter – die ganze Gemeinde auf Linie bringen und übte massiven Druck (Einquartierung von Soldaten, Enteignung, Ausweisung) auf diejenigen, die nicht unterschrieben hatten, aus. So leisteten innerhalb von zwei Tagen weitere 34 Nieder-Olm den Eid. Da Gabel auch in der Folgezeit keine Ruhe gab, regt sich bald massiver Widerstand gegen seine Amtsführung.

Am 17. März 1793 wurde der rheinisch-deutschen Nationalkonvent in Mainz eröffnet. Es handelte sich um das „erste moderne Parlament“ auf deutschem Boden, freilich mit „fragwürdiger demokratischer Legitimation“ (Dumont). Am 19. März erklärte der Konvent das Land zwischen Landau und Bingen als vom Deutschen Reich unabhängig. Zwei Tage später beschloss man die Vereinigung dieses Gebietes mit Frankreich. Am 25. März formulierte der Konvent eine feierliche Bitte für die Reunion mit Frankreich. Noch während der Konvent in Mainz feierte brachen am 26./27. März die französischen Stellungen im Hunsrück und an der Nahe unter der preußischen militärischen Offensive zusammen. Fluchtartig verließen die Franzosen Rheinhessen und die Pfalz und zogen sich auf Mainz und Landau zurück. Georg Gabel blieb vorsorglich in Mainz. Die Preußen rückten am 1. April 1793 in Nieder-Olm ein und ab 10. April schlossen Preußen, Hessen und Österreicher einen Belagerungsring um Mainz. Von 1792 bis 1797 war die Region um Mainz fünf Jahre lang Kriegsgebiet mit wechselnden Fronten. Die gesamte Region hatte schwer unter den Kriegsereignissen zu leiden, wobei es einerlei war, ob es Freund oder Feind war, ob es Franzosen, Österreicher, Preußen oder andere waren.

Nieder-Olm lag direkt hinter der Belagerungslinie. 1792/93 hatten die Nieder-Olmer Hafer, Heu und Stroh im Wert von 951 Gulden an die Franzosen zu liefern. 1793/94 war ein Lazarett im Dorf eingerichtet. Im Winter 1793/94 logierten zwei preußische Kompanien mit zusammen 327 Mann und 135 Pferden drei Monate lang im Ort. Anfang 1794 kamen 254 kaiserliche Soldaten dazu. Als die Franzosen 1794/95 wieder die Festung belagerten, hatten die Nieder-Olmer wiederum Lebensmittel, Holz und Geschirr zu liefern. Am 31. März 1795 kamen wieder 450 französische Soldaten als „Gäste“. Zwischen 1793 und 1797 starben in Nieder-Olm 152 Personen, dreimal so viel wie in einem vergleichbaren Zeitraum zuvor: von 1789 bis 1792 waren es lediglich 49.

1795 bzw. 1797 zogen sich Preußen und Österreich in Sonderfrieden mit Frankreich aus dem Konflikt zurück. In der Folge marschieren Ende 1797 friedlich französische Soldaten in Mainz ein, einer Stadt, die zuvor fünf Jahre hart umkämpft war – mit allen negativen Folgen für die ganze Region.

Nun begann die bürokratische Eingliederung der Region in den französischen Staat. Mainz wurde Hauptort des Departements Mont Tonnerre. Ohne Rücksicht auf alte territoriale Zugehörigkeiten wurden Dörfer zu Kantonen zusammengeschlossen. Indem Nieder-Olm – in Anlehnung an alte Amtsstrukturen der erzbischöflichen Zeit ‒ Hauptort eines Kantons wurde, stärkten die Franzosen die Zentralfunktion des Ortes. Am 10. April 1798 konstituierte sich die Munizipalverwaltung. Die mittlere und untere Ebene der Verwaltung wurde mit Einheimischen besetzt. Die Schultheißen hießen nun Agenten, ihre Stellvertreter Adjoints, ansonsten waren es dieselben Personen. Präsident der Munizipalverwaltung wurde Georg Gabel, der sich wohl zwischenzeitlich in Frankreich aufgehalten hatte und mit den Franzosen zurückgekommen war. Das Amt des Chefsekretärs übernahm Christoph Schüssel, das des Friedensrichters Karl Philipp Hermes und das des Notars Joseph Waßmann.

1798 unternahmen die Franzosen den Versuch, eine demokratische Legitimation für den Anschluss der linksrheinischen Gebiete an Frankreich zu erhalten. In Nieder-Olm unterzeichneten 103 von 122 Berechtigten die sogenannten „Reunionsadressen“. Wie oben schon erwähnt: Der hohe Prozentsatz war  kein Ausdruck revolutionärer Gesinnung, sondern lediglich die Anerkennung der bestehenden Machtverhältnisse.

Was die Revolutionäre 1792/93 gefordert hatten ‒ die Aufhebung der sozialen und ökonomischen Beschränkungen, die Gleichheit vor dem Gesetz ‒ wurde jetzt bürokratisch abgewickelt. Nach dem Staatsstreich Napoleons wurde die Verwaltung konsequent hierarchisch umstrukturiert. Alle kollegialen Behörden ersetzt, die Munizipalverwaltungen aufgelöst und mehrere Orte in sogenannten Mairien zusammenfasst. Nieder-Olm wurde Sitz einer solchen Mairie. Das erste Kriterium für die Stellenbesetzung war nun die fachliche Qualifikation. Georg Gabel verlor seinen Job als Leiter der Munizipalverwaltung, Maire wurde Jakob Leiden, einst kurmainzischer Zollbeamter und Gegner der Revolution.

So autoritär sie war, brachte die französische Herrschaft erhebliche Fortschritte, und war ein wichtiger Schritt „auf dem Weg in die Moderne“. Am 26. März 1798 wurden die Feudalrechte aufgehoben. Damit fielen viele lästige Dienste und Abgaben, wie z.B. der Zehnt, weg. Alle Personen wurden prinzipiell steuerlich gleich behandelt, was angesichts des französischen Steuersystems allerdings eher eine größere Belastung bedeutete. 1798 wurden alle Güter der Kirche und des Adels unter Sequester gelegt, d.h. die Einkünfte flossen in die französische Staatskasse. Die Versteigerung der Besitzungen begann erst 1802. An den Besitzverhältnissen änderte sich dadurch nichts; denn die Güter wurden von den einheimischen, reichen Bauern erworben. Dennoch gaben die Versteigerung wirtschaftliche Impulse, da die Bauern nun Eigentümer des Landes waren, das sie bewirtschafteten.

Die Franzosen führten neue Rechtsbücher ein und reformierten das Gerichtswesen. Das Zivilrecht, der 1804 eingeführte Code Civil, besitzt heute noch in Frankreich in wesentlichen Teilen Gültigkeit. Sie verbesserten die Infrastruktur. Diesen Maßnahmen fiel die Laurenziburg in Nieder-Olm zum Opfer. Zur Verbesserung der Verbindung Mainz-Paris wurde die „Pariser Straße“ gebaut. Von 1806 bis 1808 baute man das Teilstück Mainz-Wörrstadt. Dieser Baumaßnahme hatten die Nieder-Olmer Ortsbefestigung und das Schloss zu weichen. Ein paar Jahre später kommentierte der Nieder-Saulheimer Bürgermeister, Johannes Neeb, diese Aktion: „Es thut mir leid um die alte Burg, von der nur noch die Seitentrümmer zu sehen sind. Sie gab dem Ort ein pittoreskes Aussehen. Ihre Form war nicht in gothischer Mißgestalt, die Türme waren ein schlankes, üppig aufwachsendes Gewächs. Aber die Burg konnte nicht bleiben; sie lag so recht mitten im Visir in der geraden Richtung von Mainz nach Paris […].“ Abriss als Preis des Fortschritts ‒ heute dürfte man das anders sehen.

Der Aufbau der neuen Ordnung verlief allerdings keinesfalls reibungslos. Bei der Einführung des französischen Kalenders und der damit verbunden Säkularisierung des öffentlichen Lebens bissen sich die Franzosen die Zähne aus. Laut französischem Kalender bestand die Woche aus 10 Tagen, das Jahr begann mit der Gründung der französischen Republik am 22. September 1792. Neujahr, Monatsanfänge, Monatsnamen, Wochentage ‒ alles abgeschafft. Kein Gassenkehren am Samstag, keine Sonntagsruhe, erhebliche Beschwerung des Gottesdienstbesuches, keine Böllerei an Silvester, keine Prozessionen, keine Christmette ‒ das war mit den Menschen nicht zu machen. Immerhin ‒ erst 1806 wurde der französische Kalender wieder abgeschafft.

1812 scheiterte die Russlandfeldzug Napoleons. Philipp Roth (1897-1953), langjähriger Rektor der Nieder-Olmer Volksschule und Heimatforscher, überlieferte die Geschichte vom „Napoleon-Schlitten“. Aus Russland kommend habe Napoleon in der Nacht vom 16. auf 17. Dezember 1812 den Rhein überquert und von Mainz aus seine Flucht mit dem Postschlitten fortgesetzt. In der Poststation in Nieder-Olm wurden Schlitten und Pferde gewechselt. Der Schlitten Napoleons blieb in der Poststation zurück und leistete der Familie Horn noch lange Jahre gute Dienste. Erst 1940 ging er beim Abbruch einer Scheune in Nieder-Olm verloren. 1813 unterlag Napoleons Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig, und die napoleonische Herrschaft – auch am Rhein ‒ brach endgültig zusammen. Im Anschluss trafen sich die europäischen Mächte 1814/15 in Wien zum „Wiener Kongress“ und mischten die politischen Karten neu. Und auch in Nieder-Olm begann wieder eine neue Zeit.

0.4.„Erbarme, die Hesse komme“ ‒ Nieder-Olm unter großherzoglich-hessischer Herrschaft 1816-1918

Das Lied der Rodgau Monotones „Erbarme, die Hesse komme“ aus dem Jahre 1984 kannten die Nieder-Olmer 1816 natürlich nicht. Allerdings kann man sich vorstellen, dass sie den neuen Machthabern mit gemischten Gefühlen entgegensahen. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 war die Festung Mainz und eine ganze Reihe ehemaliger französischer Kantone zwischen Worms, Alzey und Bingen ‒ darunter auch Nieder-Olm ‒ an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt gekommen. Dieses ergriff 1816 von den neuen Gebieten Besitz gliederte und sie als Provinz „Rheinhessen“ in den großherzoglichen Staat ein.

Man muss sich in die Menschen damals hineinversetzen. Das war ein politisches Wechselbad, wie man es sich gravierender nicht vorstellen kann. Einer jahrhundertelangen erzbischöflichen Herrschaft folgte 1792/93 eine kurze „demokratische“ Episode unter dem Schutz französischer Revolutionäre, dann von 1793 bis 1797 mitten im Kampfgebiet um die Festung Mainz, anschließend die Eingliederung in den französischen Staat ab 1798 und nun nach dem Abzug der Franzosen und dem Wiener Kongress 1816 wieder eine neue Herrschaft.

Die erste Aufgabe des Großherzogs war die Eingliederung des neuen Territoriums in sein Großherzogtum. Dabei gab es ein gravierendes Problem: Durch die französischen Reformen hatten die linksrheinischen Gebiete einen klaren Entwicklungsvorsprung gegenüber dem rechtsrheinischen „Stammland“ des Großherzogtums. Diese Errungenschaften wollten die Linksrheiner als „rheinische Institutionen“ erhalten. Die Lösung des Großherzogs war, in der Verfassungsurkunde von 1820 die französischen Errungenschaften zu übernehmen und u.a. die Grundrechte der Staatsbürger ‒ Gleichheit, Gewissensfreiheit, Freiheit der Person und des Eigentums, Pressefreiheit und Freiheit der Berufswahl anzuerkennen. Trotz vieler Einschränkungen war die Verfassung ein Schritt in Richtung moderner Staat. Diese Verfassung wurde im Anschluss in der hessischen Gemeindeordnung von 1821 umgesetzt. Erstmals nach 1792 wurden die Bürger wieder an der Wahl des Bürgermeisters beteiligt – wenn auch nur indirekt, indem sie aus der Gemeindeversammlung drei Kandidaten präsentierten, aus welchen der Großherzog einen auswählte. Den Gemeinderat konnten die Ortsbürger direkt wählen.

Die bürgerlichen Rechte wurden in der Folgezeit zunehmend eingeschränkt. Dieses reaktionäre System ist mit dem Namen des österreichischen Politikers Metternich verbunden – „System Metternich“. Ab 1816 war Mainz Bundesfestung und stand unter besonderer Beobachtung: hier waren die Institutionen des verhassten Staates unmittelbar präsent. Metternich hatte seine "Zentraluntersuchungskommission" 1819 ausgerechnet in Mainz eingerichtet ‒ ein Symbol für Zensur und Unterdrückung von Meinungsfreiheit. Sie bestand bis 1828. Auch die Nachfolgeeinrichtung von 1833, das "Geheimdienstbüro", hatte ihren Sitz in Mainz. Von hier aus wurden alle zwei bis drei Wochen Spitzelberichte über revolutionäre Umtriebe in ganz Deutschland an Metternichs Wiener Kanzlei gesandt. Das Büro wurde 1848 aufgelöst. Nicht zuletzt trugen auch Wirtschaftskrisen in den 1840er Jahren, Missernten und Hungersnöte zur allgemeinen Unzufriedenheit jener Zeit bei.

1848 setzen sich die Mainzer beim Weinwirt Hellmeister in der Grebenstraße zusammen und formulierten – wie könnte es in Mainz anders sein ‒ 11 Forderungen, die sie nach Darmstadt schickten. In dieser Zeit erhielt der Karneval, der schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts von Köln kommend seinen Einzug in Mainz gehalten hatte, seinen politischen Anstrich. In einer Zeit der Zensur und der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung bot die Bütt ein Podium, auf dem man politisch Stellung zu beziehen und Kritik üben konnte.

Die Folge der 1848er Unruhen war eine stärkere Kontrolle durch den Staat, die auch in den Gemeinden spürbar wurde. Gemeinderat und Bürgermeister wurden immer mehr zu „staatlichen Vollzugsorganen“ (Weitzel). Erst die Gemeindeordnung von 1874 brachte wieder Fortschritte: So wurde das Dreiklassenwahlrecht, d.h. die Abhängigkeit der Wahlstimme vom Vermögen, abgeschafft. Die wahlberechtigen Bürger der Gemeinde wählten den Bürgermeister direkt. Die Gemeindeordnung von 1911 entwickelte den Gedanken der Selbstverwaltung weiter und trug den Anforderungen des 20. Jahrhunderts Rechnung. Die Gemeinde wurde nun als „lokale Selbstverwaltungskörperschaft“ (Weitzel) akzeptiert. Allerdings gab es noch erhebliche demokratische Defizite. So konnte nur derjenige wählen, der über das Ortsbürgerrecht verfügte, Reichsangehöriger war, über 25 Jahre alt und männlich war, seinen Wohnsitz in der Gemeinde hatte und Einkommenssteuer zahlte. Erst mit der Weimarer Verfassung wurde das Wahlrecht der Frauen anerkannt.

Wie sah der Alltag der Nieder-Olmer im 19. Jahrhundert aus? Die Nationalgüterversteigerungen hatten die sozialen Verhältnisse stabilisiert und einen wirtschaftlichen Impuls gegeben. Nieder-Olm war Nutznießer des allgemeinen Aufschwungs. Nachdem über Jahrhunderte die Bevölkerungszahl – bei starken Schwankungen – sich um 500 herum bewegt hatte, stieg diese im 19. Jahrhundert rapide an. Nieder-Olm hatte im Jahre 1800 606 Einwohner, 1835 schon 1.381 und 1905 1.872 (siehe Bevölkerungsgraphik oben). Bessere Ernährung und medizinische Fortschritte führten überall dazu, dass mehr Kinder überlebten. Das Wachstum hatte zur Folge, dass die landwirtschaftlichen Betriebe, die durch Erbteilungen immer kleiner wurden, die Familien nicht mehr ernähren konnten. Rheinhessen war im 19. Jahrhundert eine Auswanderungsregion. Viele Menschen suchten von der Not getrieben ihr Glück in Übersee. In Nieder-Olm waren offensichtlich die Lebensumstände so günstig, dass nur wenige Personen auswanderten. Mainz war damals ein Zentrum von Auswanderungsagenten.

Ein Symbol des Fortschritts war die Eisenbahn. Allerdings nahm die hessische Ludwigsbahn erst mit großer Verzögerung in Rheinhessen ihren Dienst auf. Insbesondere Preußen hatte mit Blick auf den „Erbfeind“ Frankreich kein Interesse an linksrheinischen Bahntrassen. Nachdem mit der Strecke Mainz-Ludwigshafen 1853 die erste Linie fertiggestellt war, dauerte es noch bis zum 18. Dezember 1871 bis die über Nieder-Olm führende Strecke Mainz-Alzey in Betrieb genommen werden konnte.

Nicht alle Nieder-Olmer waren darüber erfreut. Wilhelm Holzamer, in dessen Werk die Eisenbahn eine wichtige Rolle spielt, schreibt in seinem Roman „Jahr und Tag“ (1908) über die Kerb 1870: „Aber den Rosenzweig [damit ist Philipp Metten (1842-1907) gemeint, der damalige Wirt der Gaststätte zur Schönen Aussicht.] bedauerte man diesmal so halb und halb. Er würde kein gutes Geschäft werden, prophezeite man ihm. Früher war nur im „Engel“ und bei ihm Tanzmusik gewesen. Nun lag er auch noch abseits durch die Eisenbahn. Der Wagenverkehr [von Mainz] hörte dann auf, und statt von ihm aus ins Dorf zu gehen, musste man vom Dorf aus zu ihm gehen – und das fiel keinem Menschen ein.

Anfang des 19. Jahrhunderts mussten die Nieder-Olmer nachts noch mit einer Handlaterne den Weg finden. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchteten ‒ meist an den Kreuzungen ‒ ölbetrieben Lampen die Straßen. Die Unterhaltung der Lampen wurde jährlich an einheimische Betriebe vergeben. Ab 1911 wurde der Ort mit elektrischem Strom versorgt. Im 19. Jahrhundert entstanden einige repräsentative Gebäude, die bis auf eine Ausnahme heute nicht mehr vorhanden sind: 1890 war der Bahnhof fertig, nachdem die Bahnlinie schon 1871 ihren Betrieb aufgenommen hatte; er fiel 1945 den Bomben zum Opfer. 1892/93 wurde eine neue Schule an der Pariser Straße im Bereich der heutigen Grundschule errichtet; sie wurde 1969 abgerissen. 1894 entstand das repräsentative Amtsgericht an der Kreuzung Pariser Straße/Bahnhofstraße/Oppenheimer Straße; es stand bis 1959. Schon 1827 wurde ein Gebäude für das Friedensgericht gebaut, welches später als Rathaus genutzt wurde. Dieses Gebäude hat sich als einziges erhalten.

Nach langen Jahrzehnten „ungeordneten Fastnachtstreibens“ (Krawietz) wurde in Nieder-Olm, wie in vielen anderen Orten auch, der Karneval in geordnete Bahnen gelenkt. 1903 nahm der Nieder-Olmer Carneval Club (NOCC) das Heft in die Hand (siehe dazu den Beitrag von Peter Krawietz in diesem Band). Der Dichter Wilhelm Holzamer beschreibt seinen Heimatort in seinem Roman „Vor Jahr und Tag“ (1908) als Idylle: Und daß es schön ist alles, das Dorf und das Feld, die Wiesen und Wingerte, so schön, wie sie´s [die Dorth] nie empfunden, obgleich sie´s doch als Kind schon gerade gesehen hat wie heue. Wenn das Stadecker Wäldchen nun noch etwas näher wäre, daß man´s auf dem Neuberg sehen könnte! Oder wenn der Rhein da unten wäre, wo die Selz fließt. Aber die Selz ist doch auch schön, von der Eulenmühle bis zur Essenheimer Mühle, geschlängelt und hastig gewunden, zwischen den alten Weidenbäumen hin unter den drei, vier Brücken her, von der weißen Brücke bei der Eulenmühle bis zur grauen Brücke bei der Wiesenmühle.

Doch die Idylle trog. Schon die allgemeine Kriegsbegeisterung, die auch in Nieder-Olm spürbar war, ließ nichts Gutes ahnen. 1913 brachte die 1891 gegründete Nieder-Olmer Ortsgruppe des Kriegervereins „Hassia“ – zu deren Mitbegründern gehörten u.a. die Nieder-Olmer Juden Bernhard Deutsch, Isidor Baum und Max Kramer ‒ eine Festschrift heraus.

Das Reich rüstete sich für einen Krieg gegen Frankreich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Mainz zu einer modernen Festung ausgebaut und die „Selzstellung“ errichtet. Es handelte sich um ein System von kleinen, stark befestigen Anlagen, die in „aufgelöster Bauweise“ über das Gelände verteilt waren. Dies bescherte den Nieder-Olmern den Besuch des Kaisers. 1913 kam Wilhelm II. persönlich durch Nieder-Olm, als er Fort Muhl, ein wichtiger Teil der Selzstellung zwischen Ebersheim und Zornheim, besichtigen wollte. Michael Eifinger (1893‒1974) ‒ Nieder-Olmer Bürgermeister von 1949 bis 1959, Heimatforscher und Chronist ‒ erzählt: Als der Konvoi die Bahnhofstraße hochfuhr, gingen plötzlich die Schranken runter. Der Adjudant des Kaisers forderte den Schrankenwärter auf, die Schranken zu öffnen. Der Schrankenwärter, der keine Ahnung hatte, wer da wohl vor seiner Schranke stand, weigerte sich mit der Bemerkung: „Gleich kimmt de Zuch aus Meenz, die Schranke bleiwe ums verrecke unne, unn wonn de Kaiser persönlich käm.“ Das Problem löste sich schnell, da der Zug aus Mainz unmittelbar darauf in den Bahnhof einfuhr.

Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajevo der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Dies war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Innerhalb von wenigen Tagen wurden aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen zahlreiche weitere Mächte in den lokalen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien hineingezogen. Schließlich kämpften ca. 40 Staaten in einem Krieg, der rund 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Es war die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Die Region um Mainz wurde wohl nicht in direkte Kriegshandlungen verwickelt, dennoch waren die Auswirkungen bald spürbar.

Die anfängliche Kriegsbegeisterung wich auch in Nieder-Olm schnell der Ernüchterung. Anton Weisrock (1913-1982) erinnert sich: „Dann kam der Erste Weltkrieg, von dem wir in den ersten Jahren nur das feierliche Geläute der Glocken und den Jubel und die Begeisterung verstanden, wenn eine Schlacht über die Franzosen gewonnen war. Oder wenn sich unsere Verwandten in Uniform zur Front verabschieden mussten. Als dann der eine oder andere nicht mehr heimkam, junge Ehefrauen und Mütter immer mehr schwarze Kleider trugen, schlich sich allmählich eine gedrückte Stimmung in unser Leben […] Dann kamen die Franzosen. Unter den Klängen der Marseillaise marschierte zunächst ein kleiner Truppenteil ins Dorf und begann sich einzurichten. Als dann die Hauptbesatzung einrückte, unter ihnen auch farbige Kolonialtruppen, kamen wir aus dem Stauen nicht mehr heraus. Neben Senegalesen mit ihren roten Käppis standen auch die berittenen Saphirs mit wehenden gelben Umhängen im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit.“ Was für die Kinder interessant war, war für die Erwachsenen ein Ärgernis. Die Besatzung begünstigte das Aufkommen einer nationalistischen Gesinnung und ebnete den Nationalsozialisten den Weg.

0.5.Von einer Katastrophe in die nächste ‒ Nieder-Olm zurzeit des Volkstaates Hessen 1918-1945

Am 9. November 1918 beendete der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und seinen alliierten Gegnern den Ersten Weltkrieg. In Berlin wurde die Republik ausgerufen, und auch aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt wurde nach der Abdankung des Großherzogs eine Republik. Die „Weimarer Parteien“, d.h. Zentrum, SPD und DDP, welche die Weimarer Verfassung auf den Weg brachten, hatten auch in der hessischen Volkskammer die absolute Mehrheit. Diese Parteien – später kam noch die DVP dazu – erhielten in Nieder-Olm bei Reichs- und Landtagswahlen zwischen 1919 und 1927 regelmäßig über 90 Prozent der Stimmen. In Nieder-Olm konnte das Zentrum in dieser Zeit immer um die 50 Prozent auf sich vereinigen, die SPD lag als zweitstärkste Kraft bei ca. 20 Prozent. Der einzige Nieder-Olmer übrigens, der in der Weimarer Zeit in Berlin von 1924 bis 1932 im Reichstag saß, war der Tapezierermeister Franz Holzamer (*1872), der jüngere Bruder des Schriftstellers.

Rheinhessen wurde von den Folgen des Krieges schwer getroffen. In Nieder-Olm waren, wie sich Anton Weisrock erinnert (siehe oben), zahlreiche Franzosen einquartiert. Die Verbindungen zu den nichtbesetzten Gebieten waren weitgehend unterbrochen. Die Inflation bedeutete eine Enteignung aller Besitzer von Bargeld und Spareinlagen. Hatte 1918 ein Brief noch 15 Pfennig gekostet, stieg das Porto bis zum 20. November 1923 auf 80 Milliarden Reichsmark. Bei der Währungsumstellung Ende November 1923 wurden 10 Milliarden alte Mark gegen 1 Pfennig Rentenmark getauscht.

Trotz aller Beschwernisse ging das Leben im Dorf weiter. Ab 1922 baute man ein Schwimmbad in Nieder-Olm, indem man einfach ein 2,50 Meter hohes Wehr im Bereich des heutigen Schwimmbades errichtete und damit die Selz staute. Das Wasser der Selz war – so der Zeitzeuge Anton Weisrock ‒ damals kristallklar (!). Es gab ein großes Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken mit Sprungturm und einen „Entepuddel“ für die Kleinen. Die Besucher kamen aus der ganzen Region, häufig fanden Wettkämpfe statt. Ein heute kaum vorstellbares Detail am Rande: Bademeister Jacob Grode konnte nicht schwimmen, dafür seine beiden Töchter umso besser. Ob in seiner Amtszeit jemand im Schwimmbad zu Schaden gekommen ist, ist nicht überliefert.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geschah in der Landwirtschaft noch vieles von Hand, z.B. das Setzen der Kartoffeln oder das Mähen des Getreides. Im Winter wurde das Getreide manuell in den Scheunen mit Dreschflegeln gedroschen. In den 20er Jahren hielt auch in diesem Bereich der Fortschritt in Gestalt einer Dreschmaschine Einzug in Nieder-Olm, so die Erinnerungen Anton Weisrocks. Die Maschine bestand aus der Trias von Dreschmaschine, Strohpresse und Dampfmaschine. In der Brennkammer der Dampfmaschine brannte ein gewaltiges Feuer, das die Kinder ganz besonders beeindruckte, zumal es Pfarrer Villinger im Religionsunterricht mit dem Höllenfeuer verglich.

Waren die Jahre 1923 bis 1929 eine Zeit der Konsolidierung und Stabilität, folgte ab Ende 1929 eine tiefgreifende Krise, die vielfältige Ursachen hatte: die Schwäche der Regierungen infolge der Parteienzersplitterung – eine 5-Prozent-Klausel gab es noch nicht ‒, die Weltwirtschaftskrise vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der New Yorker Börse und die steigende Arbeitslosigkeit. Dies führte dazu, dass immer mehr Wähler zu radikalen Parteien abwanderten. Von 1927 bis 1933 ging der Stimmenanteil der demokratischen Mitte (Zentrum, SPD, DDP, DVP) rapide zurück. In Nieder-Olm von 91,4 Prozent bei der Landtagswahl 1927 auf 65,9 bei der Reichstagswahl 1933. Zum Vergleich: In Zornheim von 90,2 auf 61,9, in Essenheim von 55,4 auf 6,2 und in Stadecken (!) von 11,6 auf 2,1. Ab 1930/31 erhielt die NSDAP im Reich und in Hessen die meisten Stimmen, nicht so in katholisch geprägten Regionen. In Nieder-Olm startete die NSDAP 1928 mit 0,3 Prozent (3 Personen), bei der Landtagswahl 1931 wählten 244 Personen (18,9 Prozent) die NSDAP und bei den noch einigermaßen freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933 nur 383 Personen (28,2 Prozent). In ganz Hessen waren es 50,3 Prozent und in Stadecken 90,7. Die Anfänge des Nationalsozialismus in Rheinhessen in den 1920er Jahren hat kürzlich Markus Würz im Detail untersucht. Das Konzept Hitlers war bekannt, jeder konnte es in seinem Buch „Mein Kampf“ nachlesen. Viele lasen es überhaupt nicht, und diejenigen, die das Buch kannten, nahmen es nicht ernst.

Bei den Reichstagswahlen vom März 1933 erhielt die NSDAP reichsweit nicht die Stimmenzahl, die sie sich erhofft hatte, obwohl sie die Wahl zum Volksentscheid über die „nationale Erhebung“ hochstilisiert hatten. Dennoch wurde das Ergebnis propagandistisch als Legitimation des Volkes für die nationalsozialistische Politik umgedeutet. Nach den preußischen Kommunalwahlen vom 12. März 1933 stürmte die SA im gesamten Reich die Rathäuser (vgl. die Schilderung des Zeitzeugen Anton Weisrock im Beitrag von Peter Weisrock), mit dem Argument, die Räte entsprächen nicht mehr dem Volkswillen. In Nieder-Olm wurde am 20. März die Amtszeit des Bürgermeisters Sieben für beendet erklärt und Jakob Eckes II. zum Bürgermeister bestimmt.

Auch in Nieder-Olm waren die Unterdrückungsmaßnahmen der Nationalsozialisten deutlich spürbar: der Boykott der jüdischen Geschäfte, der massive Druck auf Parteien und Gewerkschaften durch Hausdurchsuchungen und Androhung von „Schutzhaft“. Die Nationalsozialisten hatten die in der Weimarer Verfassung verankerten Grundrechte mit legalen Mitteln ausgehebelt. „Schutzhaft“ war seit den Notverordnungen vom 4. und 28. Februar 1933 gesetzlich möglich. „Schutzhaft“ konnte einen äußerst unangenehmen und entwürdigenden Aufenthalt ‒ im Schnitt vier bis sechs Wochen ‒ im KZ Osthofen bedeuten, welches schon Anfang März 1933 eingerichtet worden war.

Am 8. März 1933 fanden Hausdurchsuchungen bei Funktionären der SPD in Nieder-Olm statt, am 10. Mai wurden Unterlagen beim Schriftführer der SPD, Valentin Dietrich, beim Vorsitzenden der SPD, Anton Stauder, beim Vorsitzenden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Peter Vogelsberger, bei Georg Plattner, dem Kassierer des Reichsbanners sowie bei Johann Ruppert, dem Kassierer der „Eisernen Front“ beschlagnahmt. Im Mai 1933 wurde gegen zwei Nieder-Olmer (Dallmann und Zimmer) Schutzhaft beantragt, weil sie Mitglieder der KPD seien, ebenso am 8. Juni 1933 gegen Hans Ruppert, weil er ein Mitglied der NSDAP mehrfach mit dem Zuruf „Hitler“ gehänselt habe. Auch private Streitigkeiten versuchte man auf diese Art zu regeln. Zwei Nieder-Olmer Bauern beantragten 1933 Schutzhaft gegen einen Zornheimer wegen Beleidigung. Am Nieder-Olmer Bahnhof hatte es ein Wortgefecht gegeben, weil sich der Zornheimer angeblich beim Rübenabladen vorgedrängt hatte.

Wo waren 1933 in Nieder-Olm die 70 Prozent, welche die Nationalsozialisten nicht gewählt hatten? Karl-Martin Grass hat es in seinem Beitrag zur Geschichte der Verbandsgemeinde 1983 treffend beschrieben: „Enthusiasmus und Zukunftssorgen lagen bei vielen Bürgen nebeneinander.“ Heute weiß man, dass „Volksgemeinschaft“ eines der zentralen Schlagworte der Nationalsozialisten war. Indem man andere Gruppen ausschloss – zum Beispiel Juden, Sinti und Roma – vergewisserte man sich der eigenen Gemeinschaft. Es überrascht, wieviele Menschen in Umfragen nach 1945 glaubhaft versicherten, nichts von Zwangsmaßnahmen gegen andere gewusst zu haben.

Die neuen Machthaber boten jungen Leuten die Gelegenheit, nach oben zu kommen. Dabei kamen auch in Nieder-Olm Namen ins Spiel, die z.T. im heutigen Gemeindeleben eine wichtige Rolle spielen ‒ Eckes, Schäfer, Horn. Inzwischen besteht Einigkeit darüber, dass man die Vergangenheit nicht verschweigen darf, sondern sich ihr stellen muss. Ralph Giordano (*1923), ein bekannter deutscher Journalist, Publizist und KZ-Überlebender, hat einmal – sinngemäß ‒ gesagt, die heutigen Deutschen seien nicht schuld an den Verbrechen ihrer Vorfahren, sie trügen aber Verantwortung, dass so etwas auf deutschem Boden nicht mehr passiert. Und dazu gehört, dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, auch wenn es manchmal schmerzhaft sein mag.

Die Nationalsozialisten bemächtigen sich auch des Alltags und nutzten traditionelle Feste, um diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Dazu gehörte auch die Fastnacht, die sich – von Ausnahmen abgesehen ‒ systemkonform verhielt. Judenhetze auf Motivwagen der Fastnachtszüge war keine Seltenheit. Die Pariser Straße wurde in „Hindenburgstraße“ umbenannt. Die Verfolgung der jüdischen Nieder-Olmer beschreibt Peter Weisrock in seinem Beitrag.

Der Überfall der Deutschen auf Polen am 1. September 1939 entfesselte den Zweiten Weltkrieg. Der Krieg brachte Einschränkungen in allen Lebensbereichen. Die Zahl der Gefallenen und Vermissen wuchs ständig. Am Rande der verheerenden Bombardierungen der Stadt Mainz am 1. und 27. Februar 1945 wurde auch Nieder-Olm in Mitleidenschaft gezogen. Kirche, Bahnhof und zahlreiche Wohnhäuser wurden zerstört. Am 21. März fuhren amerikanische Panzer Richtung Mainz, zuvor hatten sie Nieder-Olm eingenommen. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft konnte es nur noch aufwärts gehen.

0.6.Nachweise

Verfasser: Elmar Rettinger

Literatur:

  • Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hg.): Mainz – Die Geschichte der Stadt. 2. Aufl. Mainz 1999.
  • Peter Weisrock, Elmar Rettinger, Anton Weisrock: Die jüdische Gemeinde in Nieder-Olm. Nieder-Olm 3. Aufl. Nieder-Olm 2008 (Nieder-Olmer Dokumentationen 1).
  • Peter Weisrock u.a.: Sagen, Impressionen und Geschichten. Nieder-Olm 2005 (Nieder-Olmer Dokumentationen 2).
  • Gottfried Kneib: Das Kurmainzer Amt Olm. Alzey 1995.
  • Markus Würz: Kampfzeit unter französischen Bajonetten. Die NSDAP in Rheinhessen in der Weimarer Republik. Stuttgart 2012 (Geschichtliche Landeskunde 70).
  • http://www.bollwerk-mainz.de/index.html: von Dr. Rudolf Büllesbach herausgegebene und betreute Internetseite zum Ersten Weltkrieg in Rheinhessen im Allgemeinen und zur Selzstellung im Besonderen.
  • Ernst Stephan: Rheinhessische Orte um Mainz im Mittelalter. In: Mainzer Zeitschrift 50, 1955, S. 1-21.

Erstellt am: 30.11.2013