Mainz in Rheinhessen

Zur Geschichte des Mainzer Deutschhauses

Rheinland-pfälzischer Landtag in Mainz.[Bild: Horst Goebel]

Das Deutschhaus in Mainz blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück. Ursprünglich als Residenz des Hoch- und Deutschmeister des Deutschen Ordens, Kurfürst Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg[Anm. 1] erbaut, diente das Deutschhaus auch als Tagungsort des ersten Parlaments in Deutschland, als Residenz Napoleons, als großherzoglich-hessisches Palais und Schauplatz der ersten deutschen Industrieausstellung, sowie mehrfach als Sitz von deutschen wie französischen Militärinstanzen. Nach dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Gebäudes trat dort am 18. Mai 1951 der Landtag von Rheinland-Pfalz zu seiner ersten Sitzung in der Landeshauptstadt Mainz zusammen[Anm. 2]. Bis heute tagt das rheinland-pfälzische Parlament im historischen Deutschhaus.

Kurfürstliche Residenz und Deutschordenshaus

Die Arbeiten für die neue Deutschordenskommende wurden im Jahre 1729 in Mainz unter Bauherr Kurfürst Franz Ludwig begonnen, nachdem man beschlossen hatte, dass das alte Deutschordenshaus für den Abkömmling aus hohem fürstlichen Hause keine angemessene Residenz darstellte. In der Nähe des alten Ordenshauses, etwas näher am Rhein und auf der gleichen Höhe des Kurfürstlichen Schlosses, wählte man den Standort für den Bau[Anm. 3]. Bereits am 16. Januar 1732 konnte das Richtfest gefeiert werden[Anm. 4]. Im selben Jahr starb der Kurfürst und Deutschordensmeister Franz Ludwig überraschend in Breslau. Er selbst hat das Gebäude nie bewohnt und da seinem Nachfolger die Ehre einer Personalunion aus Kurfürst und Deutschordensmeister nicht zuteil wurde, konnte das Gebäude niemals in seiner geplanten Funktion genutzt werden[Anm. 5].

Der denkbar beste Standort des neuen Ordenshauses in Mainz, auf gleicher Höhe mit dem Schloss, war allein aufgrund der Personalunion aus Kurfürst und Deutschordensmeister von Franz Ludwig als Bauplatz in Frage gekommen. Vor allem der zuständige Komtur des Deutschen Ordens von Mainz, Franz Siegmund Freiherr von Satzenhofen, tat sich bei der Festlegung des Bauplatzes hervor[Anm. 6], wohl wissend, dass der Bau auch nach dem Ende der Herrschaft von Kurfürst Franz Ludwig bestehen bleiben und so dem Orden dauerhaft eine Residenz gleichen Ranges mit dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz bieten würde.

Als Baumeister wurde überraschend der junge Mainzer Hofskavalierarchitekt Anselm Franz Freiherr von Ritter zu Groenesteyn (Grünstein) beauftragt. Dabei überging der Kurfürst sowohl den Deutschordensbaumeister Franz Joseph Roth aus Bad Mergentheim, als auch den ranghöheren Mainzer Oberbaudirektor Maximilian von Welsch[Anm. 7]. Der studierte Jurist Anselm Franz hatte längere Zeit in Paris gelebt und war in seiner Kunstauffassung von der zeitgenössischen französischen Architektur geprägt[Anm. 8].

Nach dem Tod des Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg setzte man den Bau unter anderer Oberhoheit fort, nämlich der des nachfolgenden Kurfürsten Philipp Karl von Eltz-Kempenich und unter anderer Bauleitung, in Person des eigentlichen Ordensbaumeister Franz Joseph Roth.

Die Nebenbauten wurden zwischen 1735 und 1739 errichtet, der Hauptbau konnte 1740 fertig gestellt werden. Zahlreiche Künstler (Stukkateure, Freskomaler und Bildhauer) übernahmen die Gestaltung von Außenfassade und Innenraums des barocken Palais. Besonders hervorzuheben sind hier der Bildhauer Burkard Zamels, die Stukkatorenfamilie Castelli aus Würzburg und der Augsburger Freskomaler Christoph Thomas Scheffler[Anm. 9].

Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent

Am 21. Oktober 1792 hielt mit dem Einmarsch der französischen Truppen in Mainz auch der Geist der Revolution Einzug in die kurfürstliche Residenzstadt. Mit der Okkupation der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich kamen eine Reihe von politischen Ideen an den Rhein, die für die alteingesessene Bevölkerung völliges Neuland bedeuteten. „Uneingeschränkte Selbstbestimmung“[Anm. 10] hatte es in Mainz noch nie gegeben und wenngleich die Praxis anders ausgesehen haben mag, so bot sich der Demokratie im deutschen Rheinland eine erste große Chance. In ganz Rheinhessen schossen Filialen des Jakobinerclubs aus dem Boden und die französische Administration unter dem Kommando von General Adam Philippe de Custine unterstützte von ihrem Quartier im Mainzer Deutschhaus die revolutionäre Bewegung in den Rheinlanden[Anm. 11]. Doch das versprochene Selbstbestimmungsrecht hatte nicht die in Frankreich erhoffte Wirkung. Anstatt die revolutionären Kräfte in den besetzten Gebieten zu stärken, kam diese Politik eher den gemäßigten und konservativen Kräften zugute. Am 15. Dezember 1792 hoben die Franzosen das Selbstbestimmungsrecht auf und begannen mit der Zwangeinführung der Demokratie nach ihrem Vorbild[Anm. 12]. Bis zum 24. Februar hatten die rheinhessischen Gemeinden und Ortsverwaltungen Abgeordnete für den „Nationalkonvent der mainzischen und angrenzenden, diesseits des Rheins gelegenen Ländern“[Anm. 13] zu wählen, was teilweise unter Protest und nur als Folge von Gewaltandrohung umgesetzt, aber auch in einigen Gemeinden mit hoher Bereitschaft durchgeführt wurde.

Am 17. März 1793 versammelten sich die 65 Abgeordneten des ersten Parlaments auf deutschem Boden, dem „Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent“ nach einem Gottesdienst in der Peterskirche im Rittersaal des Deutschhauses zu Mainz und wählten an ihrem ersten Sitzungstag den Mainzer Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann zum Präsidenten, den Schriftsteller und Weltenumsegler Georg Forster zum Vizepräsidenten[Anm. 14]. Bereits am nächsten Tag dekretierte der Konvent die Unabhängigkeit des Gebietes von Landau bis Bingen vom deutschen Reiche und erklärte alle Gebietsansprüche der Reichstände für nichtig[Anm. 15], wohl wissend, dass der neu geschaffene Staat nicht alleine lebensfähig sein würde und ein Anschluss an Deutschland oder Frankreich unumgänglich erschien. Bereits am 21. März wurde in Mainz der Wunsch formuliert, sich der französischen Republik anschließen zu wollen.

Das ersten Parlament in Deutschland hatte in nicht einmal einer Woche zwei wahrhaft historische Beschlüsse gefasst[Anm. 16].

Die Wende im Kriegsverlauf zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen verhinderte einen langen Bestand der gefassten Beschlüsse. Als der Konvent am 31. März zu seiner letzten Sitzung zusammentrat, drohte der Stadt Mainz die Umzingelung durch deutsche Truppen[Anm. 17], was dann auch am 14. April Realität wurde. Die wenigen noch verbliebenen Abgeordneten und die Angehörigen der Allgemeinen Administration des Rheinisch-Deutschen Freistaates residierten noch im Deutschhaus, wo inzwischen auch der französische Kriegsrat eingezogen war[Anm. 18].

Auch wenn das erste demokratische Parlament auf deutschem Boden nur kurze Zeit währte, so sind in seiner Existenz und in den wenigen Beschlüssen, die es gefasst hat, eindeutig die ersten Gehversuche einer demokratischen Bewegung in Deutschland zu erkennen. Unter französischem Zwang konstituiert, von französischem Militär abgesichert und bereit, die neue Unabhängigkeit vom deutschen Kaiser und Reich sofort zugunsten einer Einverleibung durch Frankreich aufzugeben, war der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent nicht nur das erste Parlament in Deutschland, sondern auch die erste Versammlung auf deutschem Boden mit dem Auftrag eine demokratische Verfassung auszuarbeiten, auch wenn es dazu nie gekommen ist. Die demokratische Idee in Deutschland war geboren und sie ging nicht mit der Kapitulation der in Mainz eingekesselten Franzosen am 23. Juli 1793 und der anschließenden Aufhebung des Parlaments zu Ende.

Im Herbst 1793 kehrte der im Oktober 1792 geflohene Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal wieder nach Mainz zurück, auch wenn es nur für einige Jahre sein sollte. Er bezog zunächst Quartier im Deutschhaus[Anm. 19].

Napoleon in Mainz

Nachdem die während der Belagerung von Mainz beschädigte kurfürstliche Residenz am Rhein wieder hergerichtet worden war, verließ der Kurfürst Friedrich Karl von Erthal das Deutschhaus und stellte dieses dem Oberbefehlshaber der deutschen Rheinarme, Erzherzog Karl von Österreich, als Hauptquartier zur Verfügung[Anm. 20]

Ab Dezember 1797 waren die Franzosen dann wieder in Mainz (frz. Mayence) präsent. Es wurde Hauptstadt des Département Mont Tonnerre (Donnersberg), was die Franzosen in einem Teil[Anm. 21] der vom deutschen Kaiser im Friedensvertrag von Campo Formio an Frankreich abgetretenen linksrheinischen Gebieten errichteten. Das Deutschhaus war zunächst Sitz des französischen Oberkommandanten und wurde ab 1804 als Gebäude einer Militärschule genutzt. In diesem Jahr residierte Napoleon zusammen mit seiner Frau Joséphine zum ersten Mal dort und empfing die deutschen Reichsfürsten.

Während seiner Regierungszeit hielt sich Napoleon nachweislich zehnmal in Mainz auf[Anm. 22]. Sein „Palais imperial“ war dann stets das Deutschhaus am Rhein. Er ordnete die Anlage eines Freihafens am Rhein, unterhalb seiner Residenz, an und hegte sogar Pläne, das Deutsche Haus mit dem Kurfürstlichen Schloss zu verbinden. Seine Abdankung am 12. April 1814 verhinderte jedoch eine Umsetzung dieser Idee.

Im Juni 1814 residierten die jeweiligen Festungsgouverneure des Mainzer Militär-Gouvernement mit ihren Administrationen im Deutschhaus. Nach der Konstituierung des Deutschen Bundes während des Wiener Kongresses, wurde Mainz am 3. November 1815 im Vertrag zwischen Östereich, Preußen, Großbritannien und Russland zur deutschen Bundesfestung erklärt[Anm. 23].

Die großherzoglich-hessische Zeit

Nach dem Ende der napoleonischen Ära in Europa wurde Mainz Hauptstadt der neu gebildeten Provinz Rheinhessen. Der nördliche Teil des ehemaligen französischen Département Donnersberg war dem Großherzogtum Hessen im Frankfurter Staatsvertrag vom 30. Juni 1816 zugesprochen worden[Anm. 24].

Obwohl das Deutschhaus dem Großherzog von Hessen und bei Rhein, Ludwig I., als Palais übergeben wurde, während der Stadioner Hof auf der Große Bleiche als Festungsgouvernement dienen sollte, residierten die Festungsgouverneure von Mainz im Deutschhaus. Die Großherzöge von Hessen konnten ihnen aufgrund ihrer hohen Herkunft diesen Wohnungswunsch nicht abschlagen. Zu den Festungsgouverneuren gehörte neben Erzherzog Karl von Österreich und Herzog Ferdinand von Württemberg auch Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere deutsche Kaiser[Anm. 25], den Großherzog Ludwig II., der ab 1830 die Regentschaft in Hessen übernahm, auch in dessen zweiter Amtsperiode als Festungsgouverneur (1834-1839) im Deutschhaus wohnen lassen musste, da Wilhelm der Vater seiner Schwiegertochter Elisabeth war[Anm. 26].

Großherzog Ludwig II. besuchte das Mainzer Palais bis zu seinem Tod 1848 kein einziges Mal, ebenso wenig sein Vater. Lediglich seine Mutter und sein Sohn Ludwig III. mit dessen Gemahlin statteten Mainz und ihrem Palais offizielle Besuche ab[Anm. 27].

Unterhaltung und Verwaltung des Palais oblagen trotz der Fremdnutzung dem Großherzogtum. Die wenig aufwendige Verwaltung wurde 1816-1868 von dem langjährigen hessischen Hofbediensteten Wilhelm Struve übernommen. 1868-1897 bekam der Veteran und Militärinspektor Wilhelm Rapp diesen Posten, dessen Nachfolge bis 1905 der ehemalige Küchenmeister der Darmstädter Hofküche, Georg Dochnahl, antrat. Letzter Palaisverwalter war der ebenfalls alt gediente Inspektor Peter Reiß. All diese Männer trugen zahlreiche Auszeichnungen eines langen und erfolgreichen Hof- oder Militärdienstes[Anm. 28].

Insgesamt hielten sich auch Großherzog Ludwig III. und dessen Familie nur selten in Mainz auf. Offizielle Besuche sind nach 1848 sind nur 1853 (14.-16 Oktober) zur Eröffnung der Bahnstrecke Mainz - Ludwigshafen, 1863 (von Ende April bis Mitte Juni) zur Feier des Geburtstages des Großherzogs und 1870, als Wilhelm I., inzwischen König von Preußen, sein Hauptquartier im Krieg gegen Frankreich im Deutschhaus aufschlug, nachweisbar.

Ludwig IV., ab 1877 Nachfolger seines Onkels, besuchte Mainz ebenfall nur 1881 und 1889, jeweils auf Einladung der Stadt[Anm. 29]. Es kam während seiner Regierungszeit allerdings zu größeren Renovierungs- und Reparaturarbeiten (Wiederherstellung der Kapelle, Innenraum und Decke des Großen Saales etc.) sowie Modernisierungen (Einbau von „Waterclosets“, Telefonleitungen und Jalousien) im Palais[Anm. 30].

Der letzte Großherzog von Hessen, Ernst Ludwig besuchte seine Mainzer Residenz indes sehr häufig. Im Gegensatz zu seinen Vorgänger brachte er der Geschichte und Kultur von Mainz große Hochachtung entgegen. Zu größeren Eröffnungen, Paraden, Ausstellungen und Volksfesten hielt er sich in Mainz auf und förderte die dortigen Kulturveranstaltungen[Anm. 31]. Nach der Absetzung des Großherzogs von Hessen am 9. November 1918 sollte das Deutschhaus einer Vereinbarung vom 5. Mai 1919 zufolge in den Besitz des hessischen Staates übergehen[Anm. 32]. Warum es dazu nicht kam, soll im nächsten Hauptkapitel näher erläutert werden. Zunächst wird hier noch auf einige historisch bedeutsame Ereignisse in der großherzoglich-hessischen Zeit des Deutschhauses aufmerksam gemacht.

Die erste deutsche Industrieausstellung

Seit dem 18. Jahrhundert fanden in Europa Gewerbeausstellungen statt. Mit der zunehmenden Industrialisierung der Wirtschaft wurden in allen größeren Staaten Gewerbe- und Industrievereine gegründet. Der Gewerbeverein für das Großherzogtum Hessen entstand 1836 und schon 1840 bildete sich in Mainz eine Lokalsektion, die bereits im selben Jahr über 500 Mitglieder zählte[Anm. 33].

1837 und 1839 fanden in Darmstadt hessische Gewerbeausstellungen statt, während die anderen Provinzialhauptstädte Gießen und Mainz vernachlässigt wurden. Als größte Stadt des Großherzogtums und bedeutender Wirtschaftstandort schaffte es der Gewerbeverein Mainz im September 1842 dennoch, eine Ausstellung in seine Stadt zu holen. Auf seinen Antrag hin wurde sie zu einer „allgemeinen deutschen“ Industrieausstellung erweitert. Fälschlicherweise wird allerdings oft die Berliner Ausstellung von 1844 als die erste deutsche Industrieausstellung bezeichnet[Anm. 34].

Im großherzoglich-hessischen Palais, dem Deutschhaus zu Mainz, präsentierten im Jahre 1842 vier Wochen lang 720 Aussteller aus 21 deutschen Staaten ihre Produkte. Die ca. 7000-8000 Exponate reichten von Lokomotiven bis hin zum Kinderhemden. Neben Industrieprodukten wurden auch handwerkliche Erzeugnisse gezeigt. Mit 222 Ausstellern entsandte das Großherzogtum Hessen die meisten Vertreter[Anm. 35].

Deutsches Hauptquartier im deutsch-französischen Krieg 1870/71

Über den Aufenthalt des Königs von Preußen in Mainz sind nahezu keine archivalischen Quellen erhalten, da ein Großteil der preußischen Militärakten aus Potsdam und Darmstadt als Kriegsverlust betrachtet werden muss[Anm. 36]. Das Fehlen von jeglichen Pressemeldungen über den sechstägigen Aufenthalt[Anm. 37] – abgesehen von Ankunft und Abreise – lässt sich sehr wahrscheinlich auf eine kriegsbedingte Nachrichtensperre zurückführen[Anm. 38].

Das auf seinem Weg vielbejubelte „Große Hauptquartier“[Anm. 39] reiste in sechs Sonderzügen von Berlin über Braunschweig durch die großen Rheinstädte bis nach Mainz direkt vor das Deutschhaus, wo es Bismarck zufolge ebenfalls unter großem Jubel empfangen wurde[Anm. 40]. König, Bundesfürsten und Hauptquartierspersonal bezogen das Deutschhaus, während der Kanzler Otto von Bismarck das Haus Kupferberg bevorzugte. Dessen Besuch dort ist heute durch eine Gedenktafel dokumentiert.

Wilhelm I. übernahm am 2. August das Kommando über die deutsche Armee und richtete zu Ehren des Großherzogs Ludwig III.[Anm. 41] ein Diner aus. Dieser lud den König am nächsten Tag in den Erthaler Hof ein, indem er anstelle des Deutschhauses Quartier bezogen hatte. Die Besichtigung der imposanten und äußerst modernen Festung Mainz nahm Wilhelm vermutlich am 4. August vor[Anm. 42].

Die deutschen Siege bei Weißenburg (4. August), Wörth (6. August) und Spichern (6. August) und der darauf folgende Rückzug der Franzosen aus dem Elsass ermöglichten dem König schon früh, sein Hauptquartier weiter nach Südwesten zu verlegen. Am Morgen des 7. Augusts verließ Wilhelm I., König von Preußen, das ihm aus seiner Gouverneurszeit wohlbekannte Deutschhaus wieder, um sein neues Hauptquartier in Homburg einzurichten[Anm. 43]. Ein knappes halbes Jahr später ließ er sich im Spiegelsaal des Versailler Schlosses zum deutschen Kaiser proklamieren. Frankreich kapitulierte zwei Wochen später.

Rheinlandbesetzung: Das Deutschhaus als Sitz des Oberbefehlshabers der französischen Besatzungstruppen

Die deutsche Kapitulation und der darauf folgende Waffenstillstand von Compiègne am Ende des 1. Weltkriegs brachten die Franzosen nach über 100 Jahren wieder zurück nach Mainz. Die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches wurden von den Siegern besetzt. Ihr Hauptquartier bezogen die französischen Besatzungstruppen unter General Mangin am 14. Dezember 1918 im Mainzer Deutschhaus und hissten dort die Trikolore[Anm. 44]. Vor allem nationalistischen Kreisen erschien das Deutschhaus zu Mainz als Symbol französischer Besatzung am Rhein[Anm. 45], war doch dieses Gebäude stets von französischen Militärangehörigen als Quartier genutzt und sogar von Napoleon bewohnt worden. Leicht wurde dabei die Rolle des Gebäudes als deutscher Festungsgouverneursitz oder als preußisches Haupquartier im Krieg gegen Frankreich vergessen.

Die durch Hunger, Beschlagnahmung, Arbeitslosigkeit und Isolierung vom rechten Rheinufer herbeigeführte Not der Menschen war lange Zeit ein Grund für den Groll gegen die Besatzer. Eine französisch unterstützte Separatistenbewegung im Rheinland und der Ruhrkampf erschwerten die Situation zusätzlich. Die Besatzer versuchten das Verhältnis zu den Deutschen durch Maßnahmen der sog. „pénétration pacifique“ (friedliche Durchdringung) in Kultur, Presse und Geschichtsrezeption zu verbessern, was auch von der gemeinsamen Politik Stresemanns und Briands unterstützt wurde[Anm. 46].

Der letzte Reparationsplan der Siegermächte des 1. Weltkriegs (Young-Plan) verlangte neben deutschen Zahlungen auch die Räumung der linksrheinischen Gebiete von Besatzungstruppen. Am 30. Juni 1930, fünf Jahre früher als geplant, zogen die Franzosen aus Mainz ab[Anm. 47]. Einen knappen Monat später, am 19. Juli, besuchte der Reichspräsident Paul von Hindenburg die Befreiungsfeier der Stadt Mainz. Das zugehörige Festmahl namm er, umgeben von zahlreichen Würdenträgern, im Deutschhaus ein[Anm. 48].

Zerstörung im 2. Weltkrieg

Nach dem Abzug der Franzosen aus dem Rheinland wurde das Deutschhaus einige Jahre gar nicht genutzt, bis 1935 die SA-Brigade 150 in das Gebäude einzog[Anm. 49]. Ab 1942 waren behelfsmäßig auch Verwaltungsorgane der Stadt dort untergebracht. Der schwere Luftangriff im August dieses Jahres hatte das Mainzer Stadthaus völlig zerstört. Auch das Deutschhaus wurde beschädigt, das Dach und die beiden vorgelagerten Kavalierbauten getroffen[Anm. 50], konnte aber weiterhin genutzt werden. Die im Keller eingerichteten Luftschutzbunker verband man durch einen Tunnel mit dem Garten, um den dort schutzsuchenden Menschen eine Fluchtmöglichkeit nach draußen zu bieten[Anm. 51]. Von August 1942 bis Anfang 1945 gab es keine weiteren Bombentreffer. Doch der Krieg verschonte das Deutschhaus nicht. Beim letzten großen Luftangriff der alliierten Bomber auf Mainz am 27. Februar 1945 trafen einige der über 500.000 abgeworfenen Brandbomben das barocke Palais und ließen es völlig ausbrennen[Anm. 52]. Das Feuer zerstörte sämtliche Fresken und fast den gesamten Stuck[Anm. 53].

Vom Wiederaufbau bis zum Sitz des Landtages von Rheinland-Pfalz

Fünf Jahre nach Kriegsende standen die Ruinen des Deutschhauses noch unverändert wie in der Nacht ihrer Zerstörung am Rhein[Anm. 54]. Doch die Kosten für einen Wiederaufbau lagen der Stadt bereits vor. Erste Überlegungen, die neue Mainzer Akademie der Wissenschaften dort unterzubringen, wurden verworfen[Anm. 55]. Nachdem das Tauziehen zwischen Koblenz und Mainz um die rheinland-pfälzische Hauptstadtfrage schließlich zugunsten von Mainz entschieden worden war, beschloss der Landtag am 16. Mai 1950 seinen Umzug aus der Rhein-Mosel-Stadt nach Mainz. Im Vorfeld wurde erfolglos versucht das Kurfürstliche Schloss als künftigen Tagungsort zu gewinnen, doch die Stadtverwaltung bot das zu dieser Zeit noch ruinöse Deutschhaus an[Anm. 56].

Eine Finanzierungsprogramm wurde aufgestellt und ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung gestartet. Im November 1950 konnte schließlich mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Dabei wurde der Innenraum grundlegend umgestaltet und den Bedürfnissen des Landesparlaments angepasst. Nur drei Monate nach dem Richtfest, am 18. Mai 1951 hielt der rheinland-pfälzische Landtag die konstituierende Sitzung seiner 2. Wahlperiode im Plenarsaal des neuen Deutschhauses zu Mainz ab. Nach einigen Umgestaltungen bereits in den 60er Jahren bekam der Plenarsaal 1986/87 sein heutiges Aussehen.

Nachweise

Verfasser: Dominik Kasper

Verwendete Literatur:

  • Arens, Fritz: Beiträge zur Kunstgeschichte und Geschichte des Mainzer Deutschordenshauses. In: Schlegel, Arthur [u.a.] (Hrsg.): Das Landtagsgebäude zu Mainz, ehemaliges Deutschordenshaus. Aufsätze zur Geschichte, Bau und Kunstgeschichte (Sonderdruck aus der Mainzer Zeitschrift 56/57, 1961/62). Mainz 1961, S. 87-120.
  • Bubach-Dörr: Bernadette: Wiederaufbau und Umgestaltungen ab 1950. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 187-210.
  • Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz. Stadt Mainz. Bd. 2.1-2.3. Mainz/Worms 1990-1997.
  • Döry, Ludwig: Die Stuckaturen der Mainzer Deutschordenskommende. Fragen der kunstgeschichtlichen Erforschung von Raumdekorationen der Zeit um 1735. In: Schlegel, Arthur [u.a.] (Hrsg.): Das Landtagsgebäude zu Mainz, ehemaliges Deutschordenshaus. Aufsätze zur Geschichte, Bau und Kunstgeschichte (Sonderdruck aus der Mainzer Zeitschrift 56/57, 1961/62). Mainz 1961, S. 55-86.
  • Dumont, Franz: Das erste Parlament in Deutschland. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 41-58.
  • Heyen, Franz-Josef: Landtag Rheinland-Pfalz. Zehnmal Mainz nach einmal Koblenz. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 211-233.
  • Lautzas, Peter: Das Große Hauptquartier in Mainz 1870. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 163-170.
  • Mathy, Helmut: Die Trikolore weht auf dem Deutschhaus. Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Frankreich und den Rheinlanden von 1918 bis 1930. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 171-186.
  • Mathy, Helmut: La Maison Teutonique. Napoleon im Deutschhaus. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 85-112.
  • Reber, Horst: Die Baugeschichte des Deutschordenshauses. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 9-40.
  • Schlegel, Arthur: Baugeschichte des Mainzer Deuschordenshauses. In: Schlegel, Arthur [u.a.] (Hrsg.): Das Landtagsgebäude zu Mainz, ehemaliges Deutschordenshaus. Aufsätze zur Geschichte, Bau und Kunstgeschichte (Sonderdruck aus der Mainzer Zeitschrift 56/57, 1961/62). Mainz 1961, S. 1-54.
  • Schütz, Friedrich: Großherzoglich-Hessisches Palais 1816 bis 1918. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 113-138.
  • Schütz, Friedrich (Text): Vom Deutschordenshaus zum Sitz des Landtags. Zur Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Präsidenten des Landtags Rheinland-Pfalz. Mainz 1998.
  • Schütz, Friedrich: Schauplatz der ersten deutschen Industrieausstellung 1842. In: Mathy, Helmut (Red.): Die erste Adresse des Landes Rheinland-Pfalz. Geschichte des Deutschhauses in Mainz. Hrsg. vom Landtag Rheinland-Pfalz. Mainz 1990, S. 139-162.
  • Wagner, Edgar (Text): Das Deutschhaus 1945-1951. Von der Zerstörung zum Wiederaufbau. Hrsg. vom Präsidenten des Landtags Rheinland-Pfalz. Mainz 2005.

Erstellt: 08.09.09

Geändert: 24.10.11

Anmerkungen:

  1. Zu diesem Zeitpunkt war der Wittelsbacher neben dem Reichserzkanzleramt, der Mainzer Erzbischofsmitra und der Deutschordensmeisterwürde noch Inhaber zahlreicher weiterer geistlicher Ämter, vgl.: Reber, S. 9. Zurück
  2. Heyen, S. 211. Zurück
  3. Reber, S. 9. Zurück
  4. Schütz, S. 10. Zurück
  5. Reber, S. 12. Zurück
  6. Schlegel, S. 2. Zurück
  7. Reber, S. 14. Zurück
  8. Ebenda. Zurück
  9. Zur Kunstgeschichte des Deutschordenshauses sind vor allem die Beiträge von Fritz Arens, Ludwig Döry und Horst Reber maßgeblich; siehe Literaturliste. Zurück
  10. Dumont, S. 41. Zurück
  11. Mehr Informationen zu den Auswirkungen der Französischen Revolution am Rhein und in Rheinhessen finden Sie hierZurück
  12. Dumont, S. 42. Zurück
  13. Ebenda, S. 44. Zurück
  14. Ebenda, S. 45f. Zurück
  15. Ebenda, S. 46, das Dekret auf S. 53. Zurück
  16. vgl.: Dumont, S. 46-49. Zurück
  17. Ebenda, S. 50. Zurück
  18. Ebenda, S. 52. Zurück
  19. Mathy, La Maison Teutonique, S. 85. Zurück
  20. Ebenda. Zurück
  21. Im wesentlichen die Pfalz und Rheinhessen. Zurück
  22. Schütz, Deutschordenshaus, S. 20. Zurück
  23. Schütz, Palais, S. 113f. Zurück
  24. Schütz, Palais, S. 114. Zurück
  25. Vgl.: Ebenda, S. 115f. Zurück
  26. Verheiratet mit dem jüngeren Sohn Ludwigs II, Prinz Karl. Zurück
  27. Schütz, Palais , S. 116. Zurück
  28. Ebenda, S. 127f. Zurück
  29. Schütz, Palais, S. 128. Zurück
  30. Ebenda, S. 130-132. Zurück
  31. Ebenda, S. 132-135. Zurück
  32. Ebenda, S. 135. Zurück
  33. Schütz, Deutschordenshaus, S. 26. Zurück
  34. Ebenda, S. 28. Zurück
  35. Zahlen und Daten nach Schütz, Deutschordenshaus, S. 29. Zurück
  36. Lautzas, S. 163. Zurück
  37. Vom 2. bis zum 7. August. Zurück
  38. Ebenda. Zurück
  39. König Wilhelm I. von Preußen mit den höchsten Vertretern des Militärs, dem Großen Generalstab, sowie zahlreichen weiteren Militärangehörigen und Staatsbeamten. Zur genauen Zusammensetzung siehe Lautzas, S. 164. Zurück
  40. Ebenda, S. 164-166. Siehe auch Anm. 5. Zurück
  41. Warum Lautzas in seinem gesamten Beitrag stets von Ludwig IV. als Großherzog spricht, ist für mich nicht ersichtlich. Dieser wurde erst 1877 Großherzog, nachdem sein Onkel Ludwig III. verstorben war und besuchte Mainz das erste Mal im Jahr 1881, vgl.: Schütz, Palais, S. 128. Zurück
  42. Vgl.: Lautzas, S. 168. Zurück
  43. Ebenda, S. 169f. Zurück
  44. Schütz, Palais, S. 136. Zurück
  45. Schütz, Deutschhaus, S. 32. Zurück
  46. Mathy, S. 174f. Zurück
  47. Ebenda, S. 177. Zurück
  48. Ebenda, S. 185, mit Sitzplan der Festgesellschaft. Zurück
  49. Schütz, Deutschordenshaus, S. 34. Zurück
  50. Wagner, S. 6. Zurück
  51. Ebenda, S. 10. Zurück
  52. Ebenda, S. 3. Zurück
  53. Die Reste aus der Kapelle sind heute im Sitzungssaal verwandt. Zurück
  54. Ebenda, S. 15. Zurück
  55. Wagner, S. 16. Zurück