Mainz in Rheinhessen

Magenza - die Geschichte des jüdischen Mainz

0.1.1000 Jahre jüdisches Mainz - ein Überblick

Die jüdische Gemeinde in Mainz kann auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken und gehört damit zu den ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland. In dieser langen Zeit erlebte sie wechselvolle Zeiten, in denen es neben friedlichen Abschnitten auch Verfolgungen und Vertreibungen gab. Nach der ersten Erwähnung von Juden im Mainzer Raum um 900 kam es im 11. Jahrhundert bald zu einer geistigen und wirtschaftlichen Blüte der jüdischen Gemeinde, die aber durch den Pogrom während des ersten Kreuzzuges jäh beendet wurde. Obwohl die jüdische Gemeinde danach nie mehr ihre frühere Bedeutung erlangte, bildete sie im Mittelalter zusammen mit den Gemeinden in Worms und Speyer das religiöse Zentrum des aschkenasischen Judentums. Auch in den folgenden Jahrhunderten hatten die Juden in Mainz immer wieder unter Verfolgungen und Vertreibungen zu leiden, z.B. im Zusammenhang mit der Pestepidemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Nach ihrer endgültigen Vertreibung am Ende des 15. Jahrhunderts gab es fast hundert Jahre keine jüdische Gemeinde in Mainz. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Juden in Mainz wieder zahlreicher, mussten aber im 17. Jahrhundert wieder Beschränkungen über sich ergehen lassen. Erst im Zuge der Aufklärung kamen auch erste Erleichtungen ihrer Lage, die durch Berufs- und Wohnraumbeschränkungen gekennzeichnet waren. Die bürgerliche Gleichstellung erhielten sie aber erst durch die französische Besetzung von Mainz im Jahre 1792. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die jüdische Gemeinde dann eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit, die aber in den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten und letztlich in der vollständigen Vernichtung der Gemeinde endete. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich allmählich wieder eine neue Gemeinde, die in den letzten Jahren zahlenmäßig stark angewachsen ist.

0.2.Blüte und Bedrohung - die jüdische Gemeinde im Mittelalter

0.2.1.Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Mainz im 10. Jahrhundert

Das Entstehen einer jüdischen Gemeinde in Mainz gehört in den Zusammenhang der Entwicklung der rheinischen Judengemeinden im 10. und 11. Jahrhundert. Diese entstanden in diesem Zeitraum parallel zur Ausbildung des hochmittelalterlichen Städtewesens. Offensichtlich konnten die Juden aus der Emanzipation der großen rheinischen Städte ihren Vorteil ziehen. Eindeutige Hinweise für die Existenz einer jüdischen Ansiedlung gibt es erst für die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts. Für ein bereits früheres Entstehen einer bedeutenden jüdischen Gemeinde in Mainz sprechen die historischen Gegebenheiten, denn Mainz war im 9. Jahrhundert zu einem wichtigen Handelsplatz geworden. Bezeugt ist der Handel mit Gütern aus der gesamten damals bekannten Welt. Ein maßgeblicher Träger des Fernhandels waren dabei die Juden. Keinen nennenswerten Handelsbeschränkungen unterworfen, gelangte die Mainzer jüdische Gemeinde bald zu großem Wohlstand und hohem Ansehen. Mit der aus Lucca in Oberitalien zugewanderten Familie der Kalonymos begann die Blütezeit des jüdischen Mainz. Unter dem Einfluss dieser Familie wurde die Mainzer Gemeinde ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Die am Übergang vom 10. zum 11. Jahrhundert lehrenden Rabbiner Jehuda ben Meir gen. Leontin und Gerschom ben Jehuda (960-1040) gründeten in der Stadt eine Jeschiwah (= jüdisches Lehrhaus) von überregionaler Bedeutung.

0.2.2.Die ersten Verfolgungen im Zuge des Kreuzugs von 1096

Die Mainzer Juden siedelten im 10. Jahrhundert vorwiegend im Bereich Flachsmarktstraße/Schusterstraße. 1095 rief Papst Urban II. zum Kreuzzug ins Heilige Land auf. Die Kreuzfahrerheere sammelten sich im Frühjahr 1096 im Rheinland.

Aufgestachelt durch radikale Äußerungen ihrer Anführer ließen sich die Massen zu Mord, Plünderung und Verfolgung hinreißen. Nach Verfolgungen in Speyer und der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Worms zogen am 25. Mai 1096 die Kreuzfahrer nach Mainz. Ihr Führer, Graf Emicho, lehnte Geldangebote der verängstigten Juden ab. Die Juden schickten daher ihr Geld an den Erzbischof Ruthard, an dessen Ministerialen und die Bürgerschaft, weil der Erzbischof versprach, sie zu schützen und ihnen die Tore seines Palastes zu öffnen. Dasselbe tat der Burggraf. Die Haltung der Kreuzfahrer wurde aber drohender. Am 27. Mai um die Mittagszeit öffneten die Mainzer die Stadttore. Der Erzbischof, dem die Kreuzfahrer ebenfalls gedroht hatten, floh mit seinen Leuten aus der Stadt. Die eingeschlossenen Juden im Bischofshof bewaffneten sich, aber Kasteiungen und Fasten hatten sie zu sehr geschwächt. Die meisten Juden wurden von den Kreuzfahrern umgebracht. Zeitgenössische Quellen beziffern die Zahl der Opfer auf 700 bis 1.300 Juden. Nur wenige wählten die Taufe, um zu überleben; einer der Zwangsgetauften zündete wenige Tage später sein Haus und die Synagoge an und stürzte sich in die Flammen. Das Feuer griff über und ein Teil der Stadt wurde zerstört.

0.2.3.Die Verfolgungen im 11. und 14. Jahrhundert

Die Blütezeit der jüdischen Gemeinde im 10. und 11. Jahrhundert wurde jäh unterbrochen, als 1096 fanatische Kreuzfahrer während des ersten Kreuzzuges auch die Mainzer Gemeinde auslöschten. Die jüdische Gemeinde erreichte nach diesem Pogrom nie mehr ihre frühere Blüte, bildete aber trotzdem mit den Gemeinden Speyer und Worms - zusammengeschlossen im Bund SCHUM (SCHpira - Urmaisa - Magenza) - das religiöse und kulturelle Zentrum des aschkenasischen Judentums.

Nach einer langen Zeit der relativen Ruhe brach dann in der Mitte des 14. Jahrhunderts erneut eine Katastrophe über die Juden herein. Bei dem im Zusammenhang mit der Pest stehenden Pogrom von 1349 wurde die Mainzer Gemeinde erneut ausgelöscht. Da sich niemand die Ursache des Sterbens erklären konnte, kam es zu zahlreichen Gerüchten und Spekulationen. Die meiste Verbreitung fand der Vorwurf gegenüber den Juden: sie hätten die Brunnen vergiftet und dadurch die Ausbreitung der Seuche verursacht. Die meisten Juden in Mainz wurden erschlagen oder auf das Land vertrieben. Das hinterlassene Eigentum der Juden, ihren Grund- und Hausbesitz, beschlagnahmte der Stadtrat, wie er es auch bei früheren Verfolgungen getan hatte. Das Siegel von St. Stephan vom Beginn des 14. Jahrhundert ist ein Dokument des damaligen Antisemitismus. Es zeigt einen Juden mit Judenhut und Backenbart (rechts), der Stephanus steinigt.

Die frühneuzeitliche Judengemeinde in Mainz war zunächst noch sehr klein, erhielt aber seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts allmählich Zuzug aus Städten wie Worms, Frankfurt und Hanau. In dieser Zeit konnte auch die Mainzer Chewrah Qaddischah, die Beerdigungsbrüderschaft - hier auch Qabronim-Kippeh genannt -, reorganisiert werden.
Spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde der untere, sich an der Mombacher Straße entlang ziehende Teil des Judensands - der eigentliche alte Friedhof - benutzt. 1937 befanden sich dort etwa 1.500 Steine. Diese Zahl dürfte etwa dieselbe geblieben sein, da der Friedhof auch im Dritten Reich glücklicherweise der Zerstörung entgangen ist. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Schließung des alten Friedhofs wegen der angehenden Stadterweiterung verfügt.

Die Stadt Mainz hatte der jüdischen Gemeinde schon 1864 ein Gelände in Zahlbach in direkter Nachbarschaft zu dem schon 1803 dorthin verlegten christlichen Friedhof überlassen. Am 2. Januar 1881 wurde der neue Friedhof in der Unteren Zahlbacher Straße eingeweiht, auf dem bis heute die jüdischen Bürger von Mainz begraben werden. Auch eine Chewrah Qaddischah existiert im Verbund mit der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden wieder.

0.2.4.Die Vertreibung im 15. Jahrhundert

Im 15. Jahrhundert gerieten die Juden zunehmend in den Strudel der Politik. Das neue Selbstbewusstsein der Städte führte dazu, dass man auf die Juden als die hauptsächlichen Träger der städtischen Wirtschaft verzichten zu können glaubte. Zahlreiche Städte und Territorien vertrieben ihre Juden, die sich nach Osteuropa retteten. In dieser Zeit erschütterten auch Auseinandersetzungen zwischen Patriziern und Zünften das hoch verschuldete Mainz. Hatte man die Juden schon länger als entbehrlich angesehen, so wurden sie jetzt erst recht zu unliebsamen Konkurrenten, die man am besten ganz entfernte, wenn man die städtische Wirtschaftskonjunktur wieder in Gang bringen wollte. Der Stadtrat befahl wohl vor allem deshalb den Juden den Auszug aus der Stadt bis zum 25. Juli 1438, ließ die Grabsteine aus dem Judensand herausreißen und die Synagoge als städtisches Kohlenlager verwenden.
1445 wurden die Juden zwar wieder zugelassen, aber die Gemeindestärke war gegenüber der Blütezeit vor 1096 auf ein Sechstel geschrumpft (100-130 gegenüber 600-700 Mitgliedern). 1470 wurden die Juden nach der Mainzer Stiftsfehde aus dem ganzen Erzstift gejagt. Trotzdem muss man von einer gewissen Kontinuität zwischen der mittelalterlichen und der neuzeitlichen Gemeinde ausgehen, da immer wieder Nachrichten über Juden in Mainz erhalten sind.

0.3.Der jüdische Friedhof

Die jüdische Gemeinde in Mainz besitzt den ältesten jüdischen Friedhof in Europa. Die ältesten Grabsteine auf diesem Friedhof, dem so genannten Judensand, stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert. Dieser mittelalterliche Friedhof wurde aber kurz vor der Auflösung der Mainzer Judengemeinde 1438 zerstört, die meisten Steine herausgerissen und als Baumaterial verwendet. Das alte Friedhofsgelände wurde zwar auch nach der Vertreibung von 1470 mit offizieller Erlaubnis in Einzelfällen weiter benutzt, doch muss es sich in einem recht erbärmlichen Zustand befunden haben. Von den ohnehin sehr wenigen Grabsteinen aus der Zeit zwischen der Mitte des 15. und dem Ende des 17. Jahrhunderts sind keine erhalten. Dazu mag auch der schlechte Sandboden des „Judensands“ beigetragen haben, da die Steine schnell einsanken.

0.4.Das Judenviertel

In Mainz siedelten die Juden wie alle Fremden und bestimmte Berufszweige als Gruppe, da sie als solche vom Landesherrn betrachtet wurden. Ihrer Beschäftigung im Handel entsprechend lebten sie dort, wo der meiste Verkehr herrschte und Markt gehalten wurde. Die älteste Ansiedlung von Juden im fränkischen Mainz erstreckte sich dann auch von der Betzelsgasse und der Stadthausstraße aus bis über den Flachsmarkt unter Einschluß von Teilen der Schustergasse und der Christophsstraße. Die von ihnen bewohnte Gegend hieß „Unter den Juden“. Hier befanden sich das Hospital, die Metzgerei, das Backhaus und die Synagoge. Dabei war das mittelalterliche Judenviertel zu keinem Zeitpunkt - anders als die Judenviertel des 14. Jahrhunderts in Köln und Trier - durch Mauern oder Tore abgeschlossen; die meisten Häuser in diesem Gebiet waren vielmehr von Nichtjuden bewohnt.

Im Jahre 1349 wurde die jüdische Gemeinde, die man für die Pest verantwortlich machte, vertrieben. Der Grundbesitz der Getöteten und Geflohenen wurde von der Stadt konfisziert und unter der Bezeichnung „Judenerbe“ verwaltet. Den Juden, die nach 1356 wieder zugelassen wurden, war es danach nicht mehr erlaubt, Grundbesitz zu erwerben. Wenn ein Jude mit Schutzbrief eine Wohnung suchte, bekam er vom städtischen Rechenmeister ein leerstehendes „Judenerbe“ zugewiesen; nur wenn keines mehr verfügbar war, durfte er nach Belieben in der Stadt suchen.

Im 15. und 16. Jahrhundert gab es - bei einer zwischenzeitlichen Vertreibung im Jahre 1438 - nur wenige jüdische Familien in Mainz, die am nördlichen Rand des Stadtgebietes siedelten. Mitte des 17. Jahrhunderts muss die jüdische Gemeinde zahlenmäßig so angewachsen sein, dass sich die christlichen Bürger über die unliebsame Konkurrenz beschwerten.

Im Dekret vom 8. Dezember 1662 wurde die Zahl der Juden auf 20 Familien festgesetzt, die in einer Gasse zusammenwohnen sollten. Kaum zehn Jahre später waren nur noch zehn Familien erlaubt, die ein Gelände am nördlichen Rand des Stadtgebietes zugewiesen bekamen.
Die zweite Judenverordnung von 1671 wurde überwiegend befolgt, d.h. offiziell wohnten jetzt keine Juden mehr außerhalb des Judenviertels, das von ihnen selbst „Revier“ genannt wurde. Tatsächlich war dies aber noch jahrzehntelang der Fall, denn durch die allmähliche Vergrößerung der Gemeinde herrschte Platzmangel in dem kleinen Viertel. Entsprechend eng waren die Wohnverhältnisse. 1710 erwarb deshalb die Gemeinde als Körperschaft den an das Viertel anschließenden Breidbachschen Hausgarten und errichtete darauf zehn Häuser. Erst 1768 kam es zur nächsten - und zugleich letzten - baulichen Erweiterung, als auf dem Hackelschen Garten die Errichtung von fünf Häusern genehmigt wurde.

0.5.Kontrolle und beginnende Emanzipation - die jüdische Gemeinde bis 1800

0.5.1.Beschränkungen im 17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert waren die Juden wieder so zahlreich und wirtschaftlich erfolgreich geworden, dass sich nach dem 30-jährigen Krieg die Beschwerden der Krämerzunft über die jüdische Konkurrenz häuften. Kurfürst Johann Philipp von Schönborn reagierte mit einer einschneidenden Maßnahme, indem er in einem Dekret von 1662 die Zahl der jüdischen Familien in Mainz auf 20 beschränkte, die in einer Gasse zusammen wohnen sollten. Auch die wirtschaftlichen Beschränkungen waren rigoros; so waren den Juden nur nichtzünftige Berufe erlaubt. An christlichen Sonn- und Feiertagen mussten die Juden in ihrer Gasse bleiben und sich „alles ärcherlichen Auslaufens und Hanthierens enthalten“. Da diese Verordnung aber offenbar nicht durchzusetzen war, erließ er 1671 ein weiteres Dekret, das die Zahl der Familien auf zehn beschränkte und ihnen die alte Judengasse in der Nähe des Armklarenklosters zuwies, die auf beiden Seite verschlossen gehalten werden sollte.
Das Bild zeigt die „Begrabung eines Judte Rabbi aus der Mayntzer Judtegaß 1710. Voranne die 18 Manne der Judte Begrabungs Zunft“. Es zeigt eindrucksvoll die zunehmend beengte Atmosphäre in der Judengasse. Fast alle Häuser sind vierstöckig, und die Gasse wirkt eng und gedrängt. Deutlich ist auch das Tor zu erkennen, mit dem die Gasse auf der einen Seite geschlossen gehalten werden sollte.

0.5.2.Toleranz im 18. Jahrhundert

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte den Mainzer Juden - im Zuge der Aufklärung - kleinere Erleichterungen. Eine erstaunlich hohe Zahl von Verordnungen - insgesamt mehr als 30 - befasste sich speziell mit den Juden.
Die wichtigste Verordnung war dabei die landesherrliche Verordnung vom 9. Februar 1784. In ihr wurde den Juden z.B. freigestellt, „ohre es jedoch zu gebieten, daß die jüdische Jugend ebenwie die christliche ohne Unterschied des Geschlechts, oder Alters, die christlichen Land- und Stadtschulen, Real- und Normalschulen, namentlich jene in der Residenzstadt Mainz, und Schulen alle Art besuchen möge.
Weiterhin wurde ihnen die gleiche Behandlung vor dem Gesetz wie Christen zugesichert und allen Juden war es erlaubt, Fabriken und Geschäfte zu gründen, die nicht den Zünften vorbehalten waren. Zur besseren landwirtschaftlichen Erschließung bisher unzureichend genutzter Gemarkungen wird den Juden, „um die Grundstücke in Ertrag und Werth zu bringen“, der Grunderwerb gestattet.

Die Fülle der Verodnungen spiegelt aber noch kein erhöhtes Interesse der Landesregierung an der Verbesserung der sozio-ökonomischen Situation der Juden wieder, vielmehr ist die Verordnungsflut einzuordnen in die generelle Tendenz des Aufgeklärten Absolutismus, möglichst umfassend alle Lebensbereiche der Untertanen administrativ zu erfassen. Die vollständige Emanzipation der Juden konnte sich jedoch die ständisch gegliederte Gesellschaft des 18. Jahrhunderts nicht vorstellen, aber die Reformen wurden in Mainz weiter vorangetrieben als in anderen Territorien.

Die Wohnsituation um 1785

Die Wohnsituation im Judenviertel stellt sich um 1785 folgendermaßen dar: in den beiden Judengassen gab es insgesamt 63 Wohnhäuser, von denen 47 in jüdischem Besitz waren, wobei diese aber stark mit Hypotheken belastet waren. Durchschnittlich wohnten 2,3 Familien bzw. 13 Personen in einem Haus. Es herrschte eine unvorstellbare Enge, die durch das Anwachsen der Gemeinde und die Bauweise der Häuser noch verstärkt wurde. Die Bauplätze im Judenviertel waren durch die räumlichen Beschränkungen ineinander verschachtelt, schmal und sehr tief. Es gab vor allem zwei- bis dreifenstrige Hausfronten mit vier Stockwerken. Die drei Zimmer und das Treppenhaus lagen hintereinander, was den engen Eindruck noch verstärkte. So muss es als Zeichen einer besonderen sozialen Stellung gewertet werden, wenn es einzelnen Familien gelang, mit nur wenigen Personen ein Haus zu bewohnen. Moyses und Samuel Goldschmidt besaßen jeweils ein Haus, das sie mit nur vier Personen bewohnten.

0.5.3.Die Judenwache

Nachdem die Mainzer Juden durch die französische Besetzung von Mainz zu gleichberechtigten Bürgern geworden waren, steht das Jahr 1798 ein symbolträchtiges Jahr für die Öffnung des Judenviertels. Auf Antrag der jüdischen Stadtrates Zacharias Bamberger erlaubte die Municipalverwaltung am 12. September den Juden, die Tore der Judengasse einzureißen und dies mit den ihnen geeigneten Feierlichkeiten zu verbinden. Tatsächlich riss jedoch schon am Vortage ein junger Jude die Tore ein, ohne die offizielle Erlaubnis abgewartet zu haben. Bei seinem Umzug in die angrenzende Klarastrasse sei er von einem Posten des Wachhäuschens gehindert worden. In der folgenden Auseinandersetzung habe ihn ein patroullierender französischer Hauptmann unterstützt mit der Aufforderung: „Vous avez parfaitement raison, je vais vous envoyer du secours, démollisez donc cette vieille baraque“.

Bei ihrer ersten Veröffentlichung wurde diese Erzählung illustriert von einer Abbildung mit dem Titel: „Moises Kahn reißt die Judenwache ein“. Zu sehen ist das Wachhaus; vom Betrachter aus rechts stehen Maurerreste, mit deren Abriss offenbar zwei bis drei Personen - darunter eine uniformiert - beschäftigt sind. Nicht in das Bild passen jedoch die Mauern, welche die Hintere Judengasse abgesperrt haben sollen. Sie sind sonst nirgends erwähnt; und diese Gasse wurde - im Gegensatz zur Vorderen Gasse - auch Offene Judengasse genannt. Entgegen den historischen Fakten sind auch die Tore dargestellt, die ja schon in den 60er Jahren ausgehängt worden sein sollen.
Wenn Moses Kahn diese Tore nicht abgerissen hat, was hat er dann abgerissen? Das Wachhaus war noch jahrzehntelang in Benutzung und wurde erst in den 1860er Jahren beseitigt. Friedrich Schütz vermutet daher, dass es sich bei der vorgeblichen Zerstörung lediglich um einen symbolischen Akt gehandelt habe.

0.6.Gleichstellung im 19. Jahrhundert

Die verfassungsrechtliche Gleichberechtigung, die sie zu Bürgern gleichen Rechts und gleicher Pflichten machte, erhielten die Mainzer Juden erst durch die Französische Revolution und die französische Besetzung von Mainz im Jahre 1792. Das Judenviertel wurde aufgehoben. Die Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1798 beseitigte die jahrhundertealten beruflichen Beschränkungen. Obwohl einige Juden diese neuen Möglichkeiten nutzten, um freie bzw. akademische Berufe wie Arzt, Rechtsanwalt oder Professor zu ergreifen, blieb die Mehrzahl der Mainzer Juden dem Handel treu, da sie hier die Handels- und Werbemethoden kannten, überregionale Verbindungen besaßen und sich Warenkenntnisse in verschiedenen Branchen erworben hatten.
Anfang des 19. Jahrhunderts bildete sich auch zunehmend eine neue Gemeinde- und Sozialstruktur heraus. So kam es 1853 nach Streitigkeiten zu einer Aufspaltung der Gemeinde in einen liberal-reformierten und einen orthodox-gesetzestreuen Teil.

Die Gruppen unterschieden sich z.B. darin, dass die reformierte Gemeinde die strenge Abtrennung der Frauensynagoge aufheben wollte oder die Anschaffung einer Orgel vorbereitete. Aber obwohl beide Gemeinden ein eigenes Gemeindeleben mit eigenen Schulen und Einrichtungen führten, bildeten sie weiterhin eine einzige Körperschaft. Beide Mainzer Gemeinden erlebten in den Jahrzehnten vor der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 eine Blütezeit, insbesondere auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet.

Ein weithin sichtbares Zeichen dafür war der Bau der 1912 eingeweihten prächtigen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße, die den städtebaulichen Dreiklang von katholischem Dom, protestantischer Christuskirche und jüdischer Synagoge vollendete. Weitgehend in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert, leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Kultur und Wissenschaft in der Stadt. Viele jüdische Männer kämpften im Ersten Weltkrieg für nationale Ziele, was zeigt, wie sehr sie sich mit ihrer deutschen Heimat identifizierten.
In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 fielen 64 Mainzer Juden. Nach Kriegsende nahmen viele jüdische Bürger aktiv am politischen Leben teil und engagierten sich im neuen, demokratischen Staat, der Weimarer Republik. Im Laufe der Geschichte des jüdischen Magenza gingen immer wieder wichtige Persönlichkeiten aus der Gemeinde hervor. Zu diesen lässt sich ohne Zweifel der 1880 berufene Rabbiner Dr. Siegmund Salfeld zählen, der sich als bedeutender Historiker unter anderem mit der Geschichte des jüdischen Magenza befasste.

0.6.1.Die Synagogen im Judenviertel

Das wichtigste Gebäude einer jeden jüdischen Gemeinde ist die Synagoge. Die älteste Mainzer Synagoge befand sich auf dem Eckgrundstück Schusterstraße/Stadthausstraße (heute Kaufhof). Ende des 17. Jahrhunderts stimmte Kurfürst Franz von Ingelheim einer Transferierung der ehemaligen Synagoge in der Klarastraße in das Judenviertel zu. Dieser nach kurzer Bauzeit errichtete Bau war klein und wenig ansehnlich. Etwa 30 Jahre später, nachdem die Gemeinde gewachsen war, wurde deshalb eine Erweiterung nötig. 1715 erreichte die Gemeinde die Genehmigung zu ihrer Vergrößerung, die 1717 abgeschlossen war. Im Erdgeschoss befanden sich der Betraum, im ersten Stock ein Sitzungssaal und Büros, im zweiten Stock ein Betraum, den man „Hochschul“ nannte, daneben und darüber die Wohnungen für die Gemeindebeamten. Am Ende des 18. Jahrhunderts scheint das Gebäude in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand gewesen zu sein. Ein Kurmainzer Beamter konstatierte 1789: „Die Einrichtung in der Sinagoge ist äußerst schmuzzig, und man wird derselben keine beleidigung zufügen wenn man die selbe einem rissigen Schornstein vergleichet, worin noch Koth v. 20 Jahre aufzufinden ist“.

0.7.Untergang und Neubeginn - die jüdische Gemeinde im 20. Jahrhundert

0.7.1.Die jüdische Geschäftswelt

In Mainz gab es seit jeher viele jüdische Geschäfte. Sie gehörten zum wirtschaftlichen Leben der Stadt und verfügten teilweise über eine lange Tradition. Die folgenden jüdischen Geschäfte wurden während des Nationalsozialismus „arisiert“:

Leonhard Tietz (Kaufhof),
Scheurer und Plaut (Firma Zerr),
Lahnstein (Samen-Kämpf),
Hamburg (Lotz und Soher),
Fröhlich (Kapp),
Seidenhaus Frank (Leininger),
Guggenheimer (Greisinger),
Bankhaus Kahn,
Kaufhalle Levinsohn,
Textilhaus Löwenstein,
Lebensmittel Goldschmidt,
Stubs-Quelle,
Bankhaus Kronenberger.

An diesen Beispielen wird auch die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Mainzer Alltag ersichtlich, die einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Leben der Stadt leistete. Doch nach zahlreichen Terrormaßnahmen und Boykottaufrufen verschwanden schließlich bis 1939 sämtliche jüdischen Geschäfte aus dem Leben der Stadt. Diejenigen, die sich der Judenhetze in den Weg stellten, wurden auf „Prangertafeln“ festgehalten, die in der amtlichen Gauzeitung, dem „Mainzer Anzeiger“, veröffentlicht wurden.


0.7.2.Das ehemalige Kaufhaus Tietz

Das Kaufhaus Tietz befand sich im Bereich des ehemaligen mittelalterlichen Judenviertels. Die Juden siedelten damals vorwiegend im Bezirk Flachsmarktstraße-Schusterstraße. An der Ecke Schusterstraße/Stadthausstraße - in der Nähe des heutigen Kaufhofes - befand sich auch die älteste Mainzer Synagoge. Diese Synagoge wurde erstmals 1093 erwähnt, 1096 bei der ersten großen Judenverfolgung zerstört, wieder aufgebaut, bei den späteren Pogromen mehrfach beschädigt, aber immer wieder aufgebaut. Hier hat man auch im 19. Jahrhundert den so genannten „Gisela-Schmuck“ gefunden, der offensichtlich an einen Juden verpfändet worden war.

An der Stelle des heutigen Kaufhofes befand sich bis in die dreißiger Jahre das jüdische Kaufhaus Tietz. In Mainz mit seiner langen jüdischen Tradition gab es viele Geschäfte in jüdischem Besitz. Bekannt ist vor allem das Bankhaus Kronenberger. Von den circa 330 jüdischen Betrieben in Mainz betätigten sich gut ein Drittel im Handel mit landwirtschaftlichen Produkten (besonders im Weinhandel), anschließend folgten die Textilwirtschaft und der Handel mit Metallen. Diese Geschäfte waren den Nationalsozialisten natürlich ein Dorn im Auge. Neben dem allgemeinen Boykottaufruf vom April 1933 wurden noch weitere Aktionen gegen jüdische Geschäfte durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass alle bis in das Jahr 1939 aus der Mainzer Geschäftswelt verschwanden. Die jüdischen Inhaber wurden genötigt, ihre Geschäfte zu Schleuderpreisen an „Arier“ zu verkaufen.

0.7.3.Das Bankhaus Kronenberger

Ludwig Kronenberger gründete am Beginn des 20. Jahrhunderts das Bankhaus Kronenberger & Co, das 1929 von der Commerz- und Privatbank übernommen wurde. Kronenberger gehörte zu den aktivsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Mainz. Er war in allen wesentlichen Gremien und Vereinen zu finden: stellvertretender Vorsteher der Gemeinde, Vorsitzender ihrer Ritualkommission, Gründungsmitglied des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden in Hessen, führendes Mitglied der Rhenus Loge und Mitglied in den meisten kulturellen und wohltätigen Mainzer jüdischen Vereinen. Er nahm aber auch regen Anteil am nichtjüdischen Leben der Stadt. Als Mitglied der Industrie- und Handelskammer, zeitweilig Handelsrichter und Vorsitzender des Vereins Mainzer Kaufleute war er der Prototyp eines emanzipierten, liberalen Juden. Sein Bankhaus steht exemplarisch für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der Mainzer Juden am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Bilder zeigen Arbeitsszenen aus dieser Bank.


Diese alte Synagoge wurde aber erst 1853 nach der Spaltung der jüdischen Gemeinde durch einen Neubau für die liberale Israelitische Religionsgemeinschaft ersetzt. Nachdem im frühen 19. Jahrhundert in den jüdischen Landgemeinden Süddeutschlands vermehrt orientalische Elemente beim Bau von Synagogen zur Anwendung kamen, setzte sich in den 50er Jahren dieser „maurische“ Stil auch in Stadtgemeinden wie Mainz durch, aber ganz gewiss nicht als aufgezwungene Kennzeichnung. Dieser Stil verbürgte vielmehr einen Schritt zur Freiheit, zur eigenen Architektur.

Er war ein Stück neu gewonnenen Selbstbewusstseins der jüdischen Minderheit und - besonders in Mainz - das Zeichen eines kultischen Neubeginns. Die beiden Bilder zeigen jeweils die Innen- und Außenansicht dieser Synagoge.
Nach der Trennung von der liberalen Religionsgemeinde konnten die orthodoxen Juden 1856 ihre eigene Synagoge an der Ecke Flachsmarktstraße/Synagogenstraße einweihen, die 1879 nach Plänen des Stadtbaumeisters Eduard Kreyßig im maurischen Stil neu erbaut wurde. Die orthodoxe Gemeinde besaß ein vollkommen eigenständiges Gemeindeleben mit eigenen Schulen und anderen Einrichtungen.

1912 wurde in der Hindenburgstraße eine neue Synagoge errichtet. Auch die Synagoge in der Flachsmarktstraße wurde in der „Reichspogromnach“ von den Nationalsozialisten geplündert und verwüstet. Bei einem Bombenangriff im August 1942 wurde das Gebäude schließlich völlig zerstört.


0.8.Die Hauptsynagoge in der Mainzer Neustadt

Da eine Synagoge nie nur das repräsentative Gotteshaus einer Religionsgemeinschaft, sondern immer auch der angestrengte Versuch war, in der Umwelt Anerkennung zu erlangen, wollte die jüdische Gemeinde ihre zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte Stellung auch baulich dokumentieren. In städtebaulich hervorragender Lage an der Kreuzung von Hindenburg- und Josefstraße sollte deshalb eine neue, prächtige Synagoge entstehen.

Das Ausschreibungsprogramm sah ein großes Gemeindezentrum vor, das möglichst viele Aufgaben der Gemeinde in sich vereinigen sollte. An erster Stelle stand natürlich die Synagoge, die mit Orgel und Raum für einen Chor ausgestattet werden sollte. Integriert und doch räumlich getrennt sollten Wochentagssynagoge, Trausaal, Rabbinerzimmer, Vortragssaal, Religionsschule, rituelles Bad, Wohnungen und Büros untergebracht werden. In den Jahren 1911 bis 1912 wurde der Plan des Stuttgarter Architekten Willy Graf ausgeführt.

Mittelpunkt der großen Anlage war ein Rundbau mit großer Kuppel, in dem sich die eigentliche Synagoge befand. Von dem Rundbau ausgehend erstreckten sich zwei zweigeschossige Seitenflügel, denen je ein Säulenportikus vorgelagert war. In den Seitenflügeln befand sich das Gemeindehaus. Mit entscheidend für die Wirkung der neuen Synagoge war, dass die ursprünglich geplante freiliegende Vermauerung mit Natursteinen aufgegeben wurde zugunsten eines Putzbaus. Dadurch entstand eine ruhige, geschlossene Wirkung, die an barocke Schlossbauten erinnerte, wenn auch die Plastizität barocker Architektur vermieden wurde.

Der Innenraum bot insgesamt 1.000 Gläubigen Platz. 1926 wurde hier ein jüdisches Museum eingerichtet. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde diese Synagoge aber wie die meisten Synagogen in Deutschland zerstört und abgebrannt.

0.8.1.Der Innenraum der Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße

Im Innern war die Synagoge, die über einen Vorhof zu betreten war, dessen Umgänge von 36 Rundpfeilern gebildet wurden, hinsichtlich ihrer Farbgebung und symbolischen Darstellung eher schlicht gehalten. Unter der großen Kuppel befand sich der Gebetsraum mit Kanzel und Thoraschrein mit 580 Sitzplätzen für Männer. Die Frauen dagegen saßen, mit einem separaten Eingang in der Josephstraße, im ersten Stockwerk, wo sich auch die Orgel und die Sängergruppe befanden. Nur das Allerheiligste, ein Marmorbaldachin mit der darüberliegenden Orgel, weist eine größere Prachtentfaltung auf. Der reduzierte formale Aufwand im Baudetail, der bei einem barockisierenden Bau nicht nahe lag, wurde auch von der zeitgenössischen Kritik als der bezeichnende „moderne“ Zug des Neubaus herausgestellt.

0.8.2.Das jüdische Museum

1926 eröffnete der damalige Rabbiner Prof. Salfeld im Erdgeschoss der Hauptsynagoge ein Museum, das bis 1932 für die Öffentlichkeit zugänglich war, auch für Schulklassen. Die Ausstellungsstücke kamen aus privater Hand: Urkunden, Bücher, Leuchter, Silbergeräte für den Gottesdienst, Gemälde, Münzen etc. Nachdem die Juden sich der feindlichen Haltung der Nazionalsozialisten bewusst geworden waren, versteckten sie die Museumsstücke und verwandelten das Museum in einen Schulraum, da den Juden nicht mehr gestattet war, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Auch der Keller wurde in eine Sportstätte umgewandelt.

Die Synagoge war also nicht nur architektonisch gut gelöst, sondern ein von der Gemeinde getragenes und gewolltes Zeichen ihrer öffentlichen Anerkennung. Somit wurde sie auch zum Denkmal des Selbstbewusstseins der Gemeinde.

0.8.3.Die Erinnerungen von Margret Nappa an die Reichspogromnacht

Margaret Nappa (früher: Gretl Weil), wurde im Jahr 1924 geboren und wohnte als Kind in der Hindenburgstraße 53. Im Jahr 1938 war sie Schülerin der Jüdischen Bezirksschule, die sich in den Räumen der Neuen Synagoge befand. In den folgenden Aufzeichnungen erinnert sich die damals Vierzehnjährige, wo sie den 9. und 10. November 1938 erlebte.

Am Abend des 9. November 1938 kehrte ich um etwa 22 Uhr von meiner wöchentlichen Turnstunde in der Sporthalle der Bezirksschule zurück. Die Schule, die ein Teil des Synagogengebäudes war, lag schräg gegenüber unserer Wohnung in der Hindenburgstraße 53. Dort wohnte ich in dem Haus, das mein Vater 1925 erbaut hatte. Mein Schlafzimmer lag im 1. Stock zur Hindenburgstraße hin. Etwa um 0.30 Uhr morgens wurde ich von Geräuschen auf der gegenüberliegenden Straßenseite wach. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich, dass die Synagoge zu brennen anfing und dass Flammen aus den farbigen Glasfenstern schlugen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich Menschen auf der Straße gesehen habe, obwohl ich sicher bin, dass viele Menschen da waren.
Das Gebäude brannte die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen gelang es mir, das Haus zu verlassen, um mehrere Verwandte und Freunde zu warnen. Sie wussten noch nicht, dass die Synagoge brannte und dass eine Horde von Menschen in jüdische Wohnungen eindrang.
Am lebhaftesten erinnere ich mich daran, wie Möbelstücke durch die Fenster flogen: Stühle, Lampen, eine Nähmaschine. Leute zogen in Gruppen durch die Straßen und schrien sich gegenseitig zu, in welche jüdischen Wohnungen sie als nächstes gehen wollten.
Als ich bei meinen Verwandten angekommen war, konnte ich die Männer überreden, die Wohnung so schnell wie möglich zu verlassen und sich zu verstecken. Sie kamen erst einige Tage später zurück und entgingen damit einer Verhaftung.
Ich ging anschließend zum Postamt und schickte Telegramme an meinen Vater in Frankreich und an unsere Verwandten in den Vereinigten Staaten und bat sie um sofortige Hilfe, um die Übersendung von Visa usw.
Als ich wieder nach Hause kam, half ich, wertvolle Sachen wie Teppiche, Porzellan usw. auf den Speicher zu schaffen. Mitten am Nachmittag erreichte der Mob schließlich unser Haus und verlangte lautstark nach meinem Vater. Ein Mieter aus unserem Haus, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnere, trat der Horde entgegen, sagte ihnen, dass hier nur eine Frau und ein Kind lebten und dass sich mein Vater nicht mehr in Deutschland befände. Während die Menge an unserer Türe wartete, ging einer von ihnen telefonieren, um dies zu überprüfen. Als er die Bestätigung erhalten hatte, dass sich mein Vater tatsächlich nicht mehr in Deutschland aufhielt, zog die Horde ab. Meine Mutter und ich wurden nicht belästigt, und unsere Wohnung wurde nicht zerstört.
Die Synagoge schwelte weiter, die Kuppel brach jedoch nicht zusammen. Einige Tage später wurde sie dann gesprengt, da der Anblick dieser Kuppel, die sich noch immer über der ausgebrannten Synagoge erhob, eine ständige Beleidigung für die Nazis zu sein schien.
Meine Mutter und ich konnten Deutschland schließlich im März 1939 verlassen. Wir suchten Zuflucht in Frankreich, wo wir uns auch noch während des Krieges aufhielten. Ich selbst konnte im August 1941 in die USA emigrieren; meiner Mutter war es jedoch wegen einer schweren Krankheit nicht möglich, mit mir zu reisen. Sie wurde schließlich von einem Kollaborateur bei den deutschen Besatzungstruppen denunziert und nach Auschwitz deportiert. Wir erhielten nie mehr ein Lebenszeichen von ihr.
(aus dem Englischen übersetzt)

0.9.Die Vernichtung im 20. Jahrhundert

Der nationalsozialistische Terror setzte bereits kurz nach der „Machtergreifung“ im Frühjahr 1933 ein. Mainzer Juden wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen und jüdische Geschäfte immer wieder boykottiert. Zwei Jahre später folgten die Nürnberger Rassegesetze, die den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft absprachen und durch andere Bestimmungen den Alltag der Juden erschwerten. Gezwungenermaßen zogen sich die Juden immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und versuchten, trotz der Schikanen, die das tägliche Überleben fast unmöglich werden ließen, zu überleben. Ab 1936 erfolgte dann die Enteignung jüdischen Besitzes, so dass die vielen jüdischen Geschäfte schließlich völlig aus dem Stadtbild verschwanden. Einen Höhepunkt erreichte der Terror schließlich in der Nacht vom 9. zum 10. November, der so genannten Reichspogromnacht, in der im ganzen Deutschen Reich die Synagogen brannten. Auch in Mainz wurden die Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße und die kleinere orthodoxe Synagoge in der Flachsmarktstraße zerstört.

1941 wurde die Auswanderung verboten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren von ehemals über 2.600 Juden bereits circa 1.000 ausgewandert oder in andere Städte umgezogen. Die noch in Mainz lebenden Juden wurden in überfüllten „Judenhäusern“ konzentriert, welche die Kontrolle durch die Gestapo vereinfachen sollten. Im Frühjahr 1942 setzte die physische Vernichtung der Juden ein. Am 20. März wurden 450 Juden in der Turnhalle der Goetheschule gesammelt und nach Piaski bei Lublin transportiert. Ein weiterer Transport erfolgte einige Monate später, am 27. September desselben Jahres. An diesem Tag wurden erneut 450 Juden deportiert, dieses Mal in das Lager Theresienstadt (Tschechoslowakei).

Bei einem dritten Transport nur drei Tage später wurden 178 Juden nach Polen verschleppt. 1943 und Anfang 1944 wurde nochmals eine Reihe von Mainzer Juden verhaftet und deportiert. Die meisten der Deportierten wurden in den Vernichtungslagern im Osten ermordet.

0.9.1.Die Mainzer „Judenhäuser“

Die Nationalsozialisten schränkten den Lebensbereich der Juden immer stärker ein und erschwerten bewusst durch zahlreiche Schikanen das tägliche Leben. Ab 1941 wurden die Mainzer Juden in so genannten Judenwohnungen oder Judenhäusern konzentriert, um so ihre Überwachung zu erleichtern. Eines dieser Häuser lag in der Adam-Karrillon-Straße 13. Im selben Jahr ordnete die Gestapo die Anfertigung von Listen an, in denen alle noch in den rheinhessischen Landgemeinden lebenden Juden verzeichnet werden sollten. Ziel der Maßnahme war, diese Juden zum Umzug in die Stadt zu zwingen, um das Umland „judenfrei“ zu machen. Doch wurde durch diese weitere Konzentrierung der Juden der Raum in den „Judenhäusern“ zu knapp, so dass die Zimmer völlig überbelegt waren.

Die Wohnungen, in denen Juden lebten, mussten von den Bewohnern mit einem schwarzen Davidstern auf weißem Papier gekennzeichnet werden, der neben dem Namensschild anzubringen war.
All diese Maßnahmen dienten dazu, die Kontrolle und schließlich die Deportation und Vernichtung der Juden zu vereinfachen. In mehreren Transporten wurden ab 1942 innerhalb eines Jahres über 1.000 Mainzer Juden in Konzentrationslager deportiert, nahezu die Hälfte der Vorkriegsgemeinde. Die Mainzer Schule an der Goethestraße diente als zentrale Sammelstelle für die Deportation der Juden. Die Transporte gingen vor allem nach Piaski bei Lublin und Theresienstadt. Bei Kriegsende lebten von den 2.600 Mainzer Juden (1942) nur noch 61 in Mainz. Erst allmählich hat sich anschließend wieder eine neue jüdische Gemeinde in Mainz gebildet.

0.10.Die Neugründung der jüdischen Gemeinde nach 1945

Zum Zeitpunkt der Befreiung von Mainz durch die Amerikaner im März 1945 lebten von den 2.600 Mainzer Juden nur noch 61 so genannte „Rassejuden“ in Mainz. Sie lebten in „privilegierten Mischehen I“, also in Mischehen, aus denen Kinder hervorgegangen waren. Dies vermag jedoch nichts an der Tatsache zu ändern, dass die lange Tradition des jüdischen Magenza durch die furchtbaren Ereignisse des Holocaust zerstört wurde. Ein Großteil der Gemeindemitglieder, denen es nicht mehr gelungen war, rechtzeitig das Land zu verlassen, ist in den 12 Jahren nationalsozialistischen Terrors in den Vernichtungslagern ermordet worden. Nur langsam und zögernd kamen nach dem Krieg wieder Gemeindeaktivitäten zustande.

Seit einigen Jahren wächst die jüdische Gemeinde, vor allem durch zuziehende Juden aus Russland, wieder an. Zur Zeit zählt sie etwa 400 Mitglieder. 1996 konnte sie erstmals wieder einen Rabbiner anstellen und Pläne für ein neues Gemeindezentrum entwickeln.

Die wechselhafte Geschichte der jüdischen Gemeinde - stellvertretend für die Juden im Reich - spiegelt sich in der Graphik „Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung“ deutlich wieder. Deutlich wird, dass der Anteil der Juden an der Mainzer Gesamtbevölkerung von äußeren Ereignissen abhängig war, nicht von der innerjüdischen Entwicklung. In friedlichen Zeiten hatten die Mainzer Juden immer einen Bevölkerungsanteil von mindestens zwei bis höchstens zehn Prozent. Daneben gab es aber Zeiten der Verfolgung, in denen die Juden meist vollständig aus Mainz vertrieben wurden. Allein im 19. Jahrhundert konnte sich der Anteil der Juden auf einem konstant hohen Niveau halten. Dies war aber auch eine Folge der bürgerlichen Gleichberechtigung, welche die Mainzer Juden im Zuge der Französischen Revolution und der französischen Besetzung von Mainz erhalten hatten.

0.11.Neue Blüte - die jüdische Gemeinde heute

0.11.1.Die Einweihung der neuen Synagoge 2010

An derselben Stelle der ehemaligen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße wurde am 3. September 2010 die neue Mainzer Synagoge eingeweiht. Auf den Tag genau konnte die jüdische Gemeinde 98 Jahre nach der Einweihung der alten Synagoge 1912 ihr neues Zentrum beziehen. Mit ihren rund 1.000 Mitgliedern wurde der zahlenmäßig wieder gewachsenen Gemeinde mit dem Neubau Rechnung getragen. Dem spürbaren Platzmangel in der bisherigen Synagoge in der Forsterstraße wurde damit ein Ende gesetzt: Für circa 450 Mitglieder wurde nun Raum geschaffen, das ist in etwa das Fünffache des bisherigen Platzes.

Seitenansicht der neuen Synagoge mit Blick in die Hindenburgstraße

Die Baugenehmigung, auf dem Gelände der ehemaligen Hauptsynagoge zu bauen, wurde bereits im Jahr 2000 von der Stadt Mainz gegeben, das bis dahin an der Stelle stehende Hauptzollamt aber wurde erst im Oktober 2008 abgerissen. Erst dann konnte mit dem Bau begonnen werden. Bereits 1999 hatte die Gemeinde einen allgemeinen Wettbewerb ausgerufen, bei dem man sich schließlich für den Entwurf des Architekten Manuel Herz entschieden hatte. Im November 2008 wurde dann unter öffentlicher Teilnahme der Grundstein gelegt, sodass knapp ein Jahr später bereits Richtfest gefeiert werden konnte.

Die neue Synagoge ist in ihrer Funktion nicht nur Gotteshaus, sondern ein vielseitiges Gemeindezentrum, in dem unterschiedliche Räumlichkeiten Platz gefunden haben: ein Festsaal, eine Mikwe, eine koschere Küche, eine Bibliothek, ein Clubraum, ein Kindergarten, ein Sozialdienst und ein Schulraum; zudem mehrere Gemeindebüros, Sitzungszimmer und auch Wohnungen. Es soll „ein neues Haus des Lebens, Lernens, Lehrens und Betens“ sein, wie es im Text der Grundsteinrolle heißt.

Das nach Osten gerichtete Schofar, Rückansicht
Gut 17.000 Keramiksteine mit Keilprofil verkleiden den Betonkern der Synagoge. Ihre Anordnung richtet sich nahezu nach einem mathematischen Prinzip und bietet bei Sonneneinfall ein stets wechselndes Farbenspiel. Jeweils zu betrachten sind verspringende Flächen, abgewinkelte Wandflächen, Spiegeleffekte und Farbverläufe.

Besondere Erwähnung verdient die einzigartige Architektur der neuen Synagoge, die an die dekonstruktivistische Gestaltung des Jüdischen Museums in Berlin von Daniel Libeskind erinnert. Der Architekt Manuel Herz wollte mit der Gebäudeform den jüdisch-lithurgischen Begriff קדושה („Kedushah“, dt. Heiligung, Erhöhung) körperlich anfassbar reflektieren. Die Form soll den Ruf der Gemeinde nach Gott, dem Lauschen auf Gott und das Empfangen des göttlichen Lichts und seiner Weisheit verdeutlichen. (Allgemeine Zeitung)

Nachweise

Verfasser/ Red. Bearb. Markus Schmid

Quelle: 2000 Jahre Mainz - Geschichte der Stadt digital

Erstellt: 24.01.2012