Mainz in Rheinhessen

Das Bretzenheimer Rathaus

Das Bretzenheimer Rathaus2

Wie in vielen anderen Dörfer im Mainzer Raum, errichtete man auch in Bretzenheim im 16. Jahrhundert ein Rathaus. Dank einer Notiz Heinrich Mumbächers, der kurz vor 1900 eine Ortschronik zusammenstellte, ist auch das genaue Jahr der Errichtung bekannt: 1575. Das ging aus einer Urkunde über ein zinsloses Darlehen hervor, die heute allerdings verschollen ist.

Die Gründe für die Errichtung des Rathauses sind vielfältig. Neben der Absicht einen "repräsentativen weltlichen Mittelpunkt der Siedlung" (Ludwig Falck) zu schaffen, darf man wohl auch rein praktische Gründe annehmen. Die seit Beginn des 16. Jahrhundert zunehmende Verschriftlichung von Rechtsprechung und Verwaltung machte eigene Räumlichkeiten für das Gemeinde- und Gerichtsarchiv notwendig.

Wenngleich in den Quellen bereits 1575 von einem "Rathaus" die Rede ist, sollte man besser den Begriff "Gerichtshaus" verwenden. Denn einen wirklichen Gemeinderat gab es in Bretzenheim erst seit dem 19. Jahrhundert. Bis dahin diente das Rathaus der jeweiligen Herrschaft als Verwaltungsstelle und Gerichtsort. Bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert war die Äbtissin des Zisterziensernonnenklosters Dalheim (in der Nähe der Römersteine in Zahlbach) Ortsherrin über Bretzenheim. Ihrem Vertreter in Bretzenheim, dem Amtmann, oblag die Verwaltung und Rechtsprechung in oberer Instanz.  In unterer Instanz übte diese der Schultheiß zusammen mit Gerichtsschöffen bzw. anderen Gemeindeamtsträgern aus. So diente das "Rathaus" vor allem als Gerichtsort, aber auch als Verwaltungsstelle für das Dorf.

Auch 1792/93 sowie 1797-1814 diente das Rathaus als Ort für die nun französische Verwaltung - die „Municipalität“, selbstverständlich mit symbolträchtigem „Freiheitsbaum“ davor. Nach dem Abzug der Franzosen änderte sich in der Nutzung nichts: das Rathaus diente von nun an der „Großherzoglichen Bürgermeisterei“ der Provinz Rheinhessen als Standort.

Das Gebäude

Heinrich von Selbolds Wappen am Rathaus

Der Bau des Rathauses in Bretzenheim wurde sowohl von den Bewohnern - d.h. der Gerichtsgemeinde - als auch vom Amtmann getragen. Um 1575 war dies in Bretzenheim Heinrich von Selbold, der einer einflussreichen kurmainzischen Adelsfamilie angehörte. Sein Wappen findet man noch heute am nordwestlichen Eck des Rathauses: zwei silberne Schrägbalken (der obere mit drei Lilien versehen) auf blauen Grund. Das prunkvolle Grabmal Heinrich von Selbolds ist im Kreuzgang des Mainzer Doms zu sehen und zeugt von der Machtfülle des Amtmanns, der diese Funktion nicht nur in Bretzenheim ausübte.

Über die Baugeschichte ist nur wenig bekannt, allerdings dürfte der heutige Zustand dem um 1575 sehr nahe kommen: Das Erdgeschoss des Rathauses ist gemauert, darüber erhebt sich das hölzerne Fachwerkgeschoss. Ursprünglich war vielleicht ein Teil des Erdgeschosses als offene Halle angelegt - wie bei vielen anderen dörflichen Rathäusern auch. An die westliche Fassade lehnt sich ein kleiner turmartiger Vorbau an. Anzunehmen ist, dass sich im Erdgeschoss dieses Erkerturmes früher eine Gefängniszelle befand. Noch heute lässt dort nur ein kleines vergittertes Fenster Licht und Luft hinein. Über die Aufteilung und Nutzung des restlichen Rathauses ist nur wenig bekannt. Neben Amtsstuben und Gemeindearchiv wurden dort aber auch lange Zeit die Löschgeräte der Feuerwehr aufbewahrt - bis 1904 das Spritzenhaus am Gänsmarkt errichtet wurde. Nicht ohne Grund: unmittelbar vor dem Rathaus befand sich ein Weiher - die sog. Wiede - mit Löschwasser. Er wurde um 1900 zugeschüttet. Heute erinnert nur noch der Straßenname „An der Wied“ daran.

Nachweis

Verfasser: Stefan Dumont

Literatur: Ludwig Falck: Vierhundert Jahre Bretzenheimer Rathaus. Mainz 1975.

Erstellt: 09.07.2008