Mainz in Rheinhessen

0.Das Gebäude am Brand in Mainz

0.1.Die Errichtung des Mainzer Kaufhauses

Urkunde von 1317: Erstmalige Erwähnung des Kaufhauses[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Im Bereich des heutigen Brandzentrums entstand Anfang des 14. Jahrhunderts eines der größten Warenhäuser der Zeit, das sogenannte 'Kaufhaus am Brand'. Es ist das älteste Kaufhaus dieser Art im deutschsprachigen Südwesten und das Symbol der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt.

Es war noch in der Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt gegründet worden. Auftraggeber des Baus - so steht es in der königlichen Zulassungsurkunde von 1317 - waren die Bürger der Stadt Mainz. Ob sich der Erzbischof an den hohen Kosten für das prachtvolle und weiträumige Gebäude beteiligte, lässt sich aus den Quellen nicht erschließen.

Als König Ludwig der Bayer in einer Urkunde vom 25. Juni 1317 den Kaufhausbetreibern erlaubte, von den Kaufleuten im domus nova (Neuen Gebäude) eine mäßige Nutzungsgebühr zu fordern, dürfte die Einrichtung schon eine gewisse Zeit bestanden haben. Denn bereits im Jahr 1311 wird ein domus nova in der Stadt genannt, das wenig später (1335/1336) auch als theatrum (Spielhaus) der Stadt bezeichnet wurde. Wenn man berücksichtigt, dass in anderen Städten Kauf- und Spielhaus oft identisch waren, könnte es durchaus sein, dass es sich bei dem 1311 genannten neuen Gebäude um das Kaufhaus handelt.

0.2.Funktion des Kaufhauses

Dem Wortlaut der königlichen Urkunde von 1317 nach sollte das steinerne Kaufhaus dazu dienen, den Kaufleuten eine trockene und feuersichere Lagerstätte sowie einen Diebstahlschutz für ihr Handelsgut zu bieten. Deshalb gab es nur wenige und kleine, wohl auch verglaste Fenster. Der hohe Sicherheitsgrad war offensichtlich auch der Grund dafür, dass im Jahr 1317 der städtische Anteil der Rheinzolleinnahmen aus Koblenz im Kaufhaus verwahrt wurde. Auch die Kasse und der Schriftverkehr (Kaufhausbuch) des Kaufhauses dürften in dem kleinen abschließbaren Raum im Obergeschoss aufbewahrt worden sein. Mit dem Bau des Kaufhauses ließ sich der Geschäftsverkehr innerhalb der Stadt kontrollieren, kanalisieren und lückenlos besteuern. Da der Stadt Mainz eine wichtige Verteilerfunktion innerhalb des Transitverkehrs im Rhein-Main-Gebiet zukam, wurde das Kaufhaus wohl auch gebaut, um die Mainz tangierenden Warenströme zu überwachen. 

Das Mainzer Kaufhaus war aber nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch  Ausdruck des Selbstbewusstseins der Mainzer Bürger. Und als solches besaß es auch einen repräsentativen Charakter.

Im Obergeschoss des Mainzer Kaufhauses sollen wie in anderen Kaufhäusern des Reiches auch [Anm. 1] festliche Bankette stattgefunden haben und Tanzvergnügen veranstaltet worden sein. [Anm. 2] In späterer Zeit diente das Gebäude zeitweise als Gotteshaus. So wurde zwischen 1715 und 1745 auf Anordnung des Landgrafen von Hessen während der Besetzung der Festung Mainz ein lutherischer Prediger nach Mainz bestellt, der den Gottesdienst  im Kaufhaus abhielt. [Anm. 3] 1744 nahmen auch Truppen des oberrheinischen Kreiskontingents daran teil [Anm. 4].

Als die Stadt Mainz am 27.6.1793 unter starken Beschuss geriet, "soll die Municipalität wie es auch in vorderen Kriegszeiten der Stadtmagistrat gethan hat, zu ihrer Sicherheit und damit auch der Bürger in seiner Not einen sichern Zufluchtsort finden könne, ihre Versammlungen von dem Gemeindehause in das Kaufhaus verlegen und daselbst ihre permanenten Sitzungen halten ... " [Anm. 5]

0.3.Bauliche Ausstattung des Kaufhauses

Grundriss des Kaufhauses von Wetter (1812)[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Das Kaufhaus war ein massiv gemauerter, trapezförmig angelegter Bau (Kantenlänge ca. 41 x 28m) der frühen gotischen Profanarchitektur. Das Erdgeschoss war zur Lagerung der schweren Waren angelegt, das Obergeschoss für leichtere Waren – auch befand sich in jenem wohl ein ‚Tanzsaal‘, indem mitunter heitere Festlichkeiten stattgefunden haben. Das obere Stockwerk erreichte man über eine Treppe am Südende der Ostfassade, die über ein Zwischenpodest nach oben führte.

Die Fenster des Obergeschosses waren maßwerkgeschmückte Spitzbogenfenster, auf der Südfassade gar noch von Ziergiebeln (Wimpergen) gekrönt und von Figuren zwischen Konsole und Baldachinen umschlossen. Im Erdgeschoss befanden sich dagegen Rundbogenfenster mit Mittelteilung (außer auf der Südseite).

0.4.Die repräsentative Südfassade

Südfassade des Kaufhauses[Bild: Landesmuseum Mainz (Ursula Rudischer)]

Auf allen vier Seiten des Kaufhauses befanden sich Tore, durch die sowohl Menschen als auch Waren in das Kaufhaus gelangten. Das Südportal war das breiteste und das am reichsten geschmückte und fügte sich damit in die repräsentative ‚Schauseite‘ des Kaufhauses ein: die Südfassade.

Über dem spitz zulaufenden Bogen des großen Tors trugen Stützpfeiler noch einen weiteren, vorgeblendeten Spitzbogen mit aufgesetztem Wimperg. Figürlich war bereits dieser Bereich reich ausgestattet: Unter dem Wimperg befand sich eine Bischofsfigur mit Krummstab und Buch, zwischen Tor und Blendbogen stand eine Marienplastik. Selbst für ein Profangebäude des tief gläubigen Mittelalters war dies doch ein sehr sakrales Figurenprogramm.

Ein umlaufendes Blattfrieswerk befindet sich unterhalb der Zinnen, die gemeinsam mit den Ecktürmen (und dem sich dahinter befindenden Gang) einen Eindruck vermitteln, der von einigen als ‚wehrhafter Charakter‘ beschrieben wird. In jedem Fall vermittelt das Zinnenrelief der Südfassade – der sogenannte ‚Kurfürstenzyklus‘ – mit einem die anderen Figuren überragenden Halbrelief des Hl. Martin einen imposanten Eindruck und beschließt die reich geschmückte Hauptfassade.

0.5.Der Kurfürstenzyklus

Mainzer 'Kurfürstenzyklus'

Ebenso wie der Bau des Kaufhauses selbst war auch die bauliche Ausstattung eine Zurschaustellung des mainzerisch-bürgerlichen Selbstbewusstseins. Ein besonderes Merkmal des Kaufhauses war die Ausgestaltung der Reliefzinnen: Figuren der sieben Kurfürsten und des deutschen Königs schmückten das Kaufhausdach und wurden als Mainzer 'Kurfürstenzyklus' bekannt.

Die Wahl des Motives war ein politisches Signal. Die Bürgerschaft erwies sich hier als Parteigänger ihres Erzbischofs. Der Mainzer Erzbischof war traditionell die dominierende Person bei der Wahl der deutschne Könige und Kaiser, der Kölner bei deren Krönung. Im 13. Jahrhundert erhob der Kölner auch Anspruch auf die Leitung der Wahl. Der Kurfürstenzyklus, der den Mainzer Erzbischof als erste Person des Kurfürstenkollegiums darstellt, war somit ein politisches Dokument in der Auseinandersetzung um die Königswahl. Wenige Jahrzehnte später wurde in der Goldenen Bulle von 1356 die Wahlfrage endgültig im Mainzer Sinne geregelt.

0.6.Rekonstruktion der Madonna

Madonna-Rekonstruktion 2011 © IMG Mainz

Diese schrittweise Darstellung der Madonnenfigur, die sich auf einem Sockel oberhalb des Südportals des Kaufhauses befand, gibt einen guten Einblick in die Schwierigkeiten der Rekonstruktion. 

  • Die linke Darstellung zeigt die für die Rekonstruktion wichtigen Messpunkte.
  • Die zweite Darstellung von links zeigt die Madonna in ihrem heutigen Zustand: ohne ursprüngliche Färbung, mit abgebrochene Krone, Hand und Jesuskind-Kopf
  • Die mittige Darstellung zeigt die Madonna noch ohne Farbgebung, aber mit ergänzter Krone, Hand und Jesuskind
  • Die beiden rechten Darstellungen zeigen leichte Varianten des möglichen Aussehens der Madonna inkl. Farbgebung.

Auch in diesem Fall ist nur eine (kunst-)historische Annäherung möglich: Sowohl Farbgebung als auch Figurtypus haben gerade für die Marienfiguren jener Zeit ein bestimmtes Schema. Die auf historischen und kunsthistorischen Kenntnissen aufbauende Rekonstruktion ist nur der Versuch einer Annäherung an die historische Wirklichkeit.

0.7.Der Innenraum des Kaufhauses

Innenraum des Kaufhauses

Das Kaufhaus[Anm. 5] hatte, wenn man den trapezförmigen Grundriss, die mächtigen Mauern und baulichen Eigenarten berücksichtigt, auf zwei Stockwerken eine Nutzfläche von bis zu 2.000 qm. [Anm. 6] Das darüber liegende Dachgeschoss, in dem vielleicht Getreide oder Heu gelagert wurde, bot entsprechend weiteren Stauraum.

Die Kreuzrippengewölbe des Erd- und Obergeschosses wurde von je vier freistehenden viereckigen Pfeilerpaaren getragen. Dadurch entstand jeweils ein dreischiffiger Raum mit 3 mal 5 Jochen. Die Kreuzrippengewölbe saßen in der Raummitte, in etwa auf einem Drittel der Raumhöhe beginnend, auf den Pfeilerpaaren, an der Wand auf einfachen Wandvorlagen auf. Die oberen Schlusssteine der einzelnen Kreuzrippengewölbe waren mit Laubwerk geschmückt. Die Fußböden waren verfließt, die Wände, von den Fensterbereichen und den Vorlagen abgesehen, verputzt.

Das Untergeschoss

Im Erdgeschoss befand sich in der Mitte der West-, Nord- und Südwand je eine Tür. An der südlichen Stirnseite zum Kaufhausplatz hin lag das Haupttor, das breiter und höher war als die anderen Zugänge.[Anm. 7] Licht spendeten vier Fenster an der Westseite, drei an der Nord- und zwei an der Ostseite. Der Platz für zwei weitere mögliche Fenster wurde dort von einem Treppenaufgang eingenommen, der durch die Wand auf eine Außentreppe führte. Denn in das Obergeschoss gelangte man auch über eine überdachte Außentreppe, die auf der Ostseite an das Gebäude angebaut worden war. In der Mitte dieser Treppe befand sich ein Absatz, auf den der innere Aufgang mündete.[Anm. 8]

Über die mögliche Einrichtung des Untergeschosses lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die Eisen-Waage, die im Kaufhaus aufbewahrt wurde, dürfte im Untergeschoss gestanden haben. Dort waren wohl auch die Bütten, Kohlenmaße, Rechen und Schüttkörbe der Kohlenabmesser untergebracht. Anzunehmen ist, dass die Unterkäufer, Wieger und auch die Kaufhausknechte Bereiche im Untergeschoss hatten, in denen sie sich aufhalten konnten.

Ansonsten wird der Raum von den größeren Ballen, Bündeln, Fässern, Kisten, Körben u.ä. eingenommen worden sein. Bei den Fardel-Ballen Barchent, die im Kaufhaus ankamen, war es Vorschrift, sie im Kaufhausinneren anzubieten. Es ist anzunehmen, dass sie im Erdgeschoss Aufnahme fanden. In einzelnen Bereichen des Untergeschosses mögen Verkaufsstände und -buden aufgestellt worden sein, in denen Kaufhauswaren, vielleicht zuweilen auch Einzelhandelswaren angeboten wurden.

Die Zeichnungen und Gemälde des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen im Inneren im Bereich des großen Südtors kaufladenartige Verkaufsregale und Tische.[Anm. 9]

Das Obergeschoss

Im Obergeschoss gab es an der Westwand fünf Fenster, an der Nordwand drei und an der Ostwand nur zwei, da sich in der dritten Fensteröffnung der Zugang von der Außentreppe aus befand. Im Mitteljoch der Ostwand befand sich eine große rundbogige Ladeluke.[Anm. 9] Hier dürfte sich eine am Zinnenkranz befestigte Hebevorrichtung befunden haben. Der Platz für ein mögliches viertes Fenster wurde von der Treppe verdeckt, die zum Dachgeschoss führte. An der Südseite gab es zu beiden Seiten des "Tresorraumes" je ein Außenfenster.

Über die Einrichtung des Obergeschosses schweigen sich die Quellen aus. Aus dem Jahr 1748 ist aber eine Zeichnung überliefert, die den Raum in einzelne Verkaufsbereiche aufteilt. Je vier dieser Bereiche sind um die acht Pfeiler in der Raummitte gruppiert. Vor den Mauerflächen der linken Längswand befinden sich vier, an der rechten Längswand noch weitere zwei Felder. Die Beschriftung weist diese 25 Felder als budicken aus. Ihre genaue Größe ist in jede der Flächen eingeschrieben. Leider lässt die Zeichnung keine Rückschlüsse darauf zu, ob es sich bei diesen budicken um kleine abgeteilte Verkaufsbuden oder um Tische gehandelt hat. Die Räume dazwischen werden als gang, der Platz vor einer großen Außenluke als vorblatz bezeichnet. Ob man von dieser oder eine ähnlichen Einteilung auch für das Mittelalter ausgehen kann, ist nicht zu sagen.[Anm. 10] Die budicken waren wohl, so ist es in anderen Kaufhäusern üblich gewesen, vermietet. In Konstanz verpachtete man die dortigen gademen an fremde Kaufleute, die dort ihre Waren ausstellten. Auch in Minden waren ähnliche Verkaufsflächen vergeben.[Anm. 11]

Man möchte annehmen, dass im Gegensatz zum Untergeschoss im Obergeschoss eher kostbare Waren in kleineren Gebinden angeboten wurden. Eine solche Aufteilung ist zumindest in Arnstadt und Dresden üblich gewesen.[Anm. 12]

An der Südseite des Stockwerkes befand sich über dem Haupteingang ein kleines Zimmer, das etwas über die Außenfront hinauskragte. Dieser abschließbare Raum wird in der Literatur mal als Tresor, als Cabinet, Archiv oder Büro der Hausmeister angesprochen.[Anm. 13] Moller schreibt in seiner Bauaufnahme: »In dem oberen Stock befand sich über der Haupttüre ein kleines hier angegebenes Cabinet, welches ganz von Quadersteinen erbauet und mit eisernen Thüren versehen, wahrscheinlich zur Aufbewahrung des Geldes und der Papiere von Werth diente«.[Anm. 14] In der Tat dürfte das Büro des Hausmeister mit der Kaufhauskasse, dem Kaufhaus- und Zeichenbuch und dem sonstigen Schriftverkehr im Obergeschoss befunden haben.[Anm. 15]

Das Dachgeschoss

In der südöstlichen Ecke des Obergeschosses befand sich eine schmale Treppe, die zweimal um 90 Grad geknickt, in das oberste Stockwerk führte. Über die mögliche Nutzung des Dachgeschosses liegen keinerlei Informationen vor. Vielleicht wurde es als Lager für Korn oder für Heu verwendet, das als Großhandelsware im Kaufhaus gehandelt wurde.[Anm. 15]

Beleuchtung – Heizung - Sanitäre Einrichtungen

Das untere Stockwerk dürfte trotz der Fenster und Türen vom Tageslicht ebenso ungenügend erhellt worden sein wie das Obergeschoss mit seinen zwar größeren Fenstern, aber fehlenden Türöffnungen. Zudem dürften Fenster durch Einbauten verdeckt oder durch Waren zugestellt gewesen sein. Aus der Kaufhausordnung ist bekannt, dass der Wiegemeister für die Beleuchtung des Kaufhauses verantwortlich war. Über eine ständige künstliche Beleuchtung dürfte das Kaufhaus aber nicht verfügt haben. Vielmehr wird man im Halbdunkeln gearbeitet und bestimmte Bereiche bei Bedarf punktuell künstlich beleuchtet haben. Im Straßburger Kaufhaus am Salztor war Feuer sogar verboten.[Anm. 15]

Welches Leuchtmittel man im Kaufhaus verwendete, bleibt unsicher. Wachs und Kerzendochte werden in der Kaufhausordnung als gängiges Handelsgut genannt. Ob sie für die Kaufhausausleuchtung eingesetzt wurden, lässt sich nicht sagen. Die Verwendung von preiswerten Pech- oder Unschlittfackeln ist schon deshalb wenig wahrscheinlich, da sie zu rußen pflegten und Stoffe, Gewürze u.ä. in Mitleidenschaft gezogen hätten. Bei den in der Kaufhausordnung genannten eyn hundert schußel beches könnte es sich um portionierte Pechlichter gehandelt haben, die im Kaufhaus verwendet wurden. Vielleicht wurde die Wirkung der Lichter verstärkt, indem man Reflektoren (Silberteller, Spiegel) hinter ihnen aufstellte.

Auf einigen Abbildungen des 18. und 19. Jahrhunderts sind zwar Schornsteine auf dem Gebäude abgebildet, in den erhaltenen Grundrissen und Innenansichten sind aber keinerlei Öfen oder Kamine eingezeichnet. Es scheint auch unwahrscheinlich, so große Räume wie die beiden Kaufhaushallen auch nur annähernd wirkungsvoll heizen zu können. Es dürfte im Kaufhaus demnach keine Heizmöglichkeit gegeben haben.

Auf das Vorhandensein sanitärer Einrichtungen im Kaufhaus gibt es keinerlei Hinweise. Auf dem Platz vor dem Kaufhaus befand sich ein öffentlicher Brunnen, ein weiterer nördlich des Gebäudes.[Anm. 16]

Der Abriss des Mainzer Kaufhauses

Nachbildung des Kurfürstenzyklus am Rheinufer[Bild: Martin Bahmann]

Während der Belagerung von 1793 wurde das Kaufhaus stark beschädigt. Städtebauliche Planungen des französischen Architekten Eustache St. Far sowie die Möglichkeit, die Substanz des heruntergekommenen Gebäudes als Baumaterial zu verwenden bzw. die hohen Kosten für einen Wiederaufbau zu sparen, führten zu dem Entschluss, das Kaufhaus nach 500-jähriger Geschichte Jahren abzutragen. Angeblich sollen die steten Klagen einer Tischgesellschaft französischer Offiziere, die in dem benachbarten Gasthof „Zu den Drei Reichskronen“ zu tafeln pflegten und sich über die verstellte Aussicht beklagten, zu dem Entschluss, das ehrwürdige Gebäude zu beseitigen, entscheidend beigetragen haben. [Anm. 16]

Vom 15. Oktober 1812 bis zum Frühjahr 1813 wurden die Mauern niedergelegt und der Platz eingeebnet. Er blieb zunächst unbebaut, man markierte sogar den Grundriss des ehemaligen Gebäudes mit weißen Pflastersteinen. Fortan wurde das Grundstück als "Brandplatz“, "auf dem Brand" oder einfach "Brand" bezeichnet. [Anm. 17]

Nachdem das Kaufhaus verschwunden war, wurde die Karmeliterkirche - das Karmeliterkloster war 1802 aufgehoben worden - als Kaufhaus bzw. seit den 1830er- Jahren als Magazin genutzt. [Anm. 18]

Die Reliefzinnen entkamen jedoch der Vernichtung und befinden sich heute im Landesmuseum Mainz. Eine Nachbildung des gesamtes Zyklus befindet sich heute am Mainzer Rheinufer zwischen dem Hilton-Hotel und der Theodor-Heuss-Brücke. Die Figuren sind in der typischen, rötlich-grauen Sandsteinfärbung gehalten, die Wappenschilde sind jedoch in ihrer originalen Farbgebung wiedergegeben.

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: Katharina Üçgül, Stefan Grathoff

Aktualisiert am: 9.12.2014

Anmerkungen:

  1. Vgl. hierzu Jacobs, Markt und Rathaus bes. S. 213. Zurück
  2. Falck, Blütezeit 1973 S. 61. Zurück
  3. Schrohe, Beiträge Bd. 5, S. 176; Maurer, Kaufhaus Nr. 33, S. 23 und S. 61; Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 325). Zurück
  4. StA Würzburg MRA Militär K 238/348 ½. Zurück
  5. Baubeschreibungen bei Maurer, Kaufhaus S. 62ff.; Nagel, Kaufhaus S. 87f.; Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 328f. Zurück
  6. Nagel, Kaufhaus S. 87. Das Konstanzer Kaufhaus, dem das Mainz Kaufhaus als Vorbild gedient hatte, bot je Halle 1.000 qm Stauraum, zusätzlich mit dem Dachboden waren weitere 3.000 qm verfügbar (Kimmig, Kaufhaus S. 109). Zurück
  7. Außen über dem Haupttor hing ein großer Knochen. Er war beim Bau der gotischen Kirche St. Alban im Boden gefunden worden. Nach deren Zerstörung gelangte er zunächst nach St. Stephan und wurde später am Kaufhaus angebracht. Bei dessen Abbruch gelangte der Knochen ins Landesmuseum Darmstadt (Schaab, Geschichte der Stadt Mainz Bd. 1, S. 492). Zurück
  8. Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 336. Zurück
  9. Dieses Rundtor könnte, so wird vermutet (Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 328f.; Stiehl, Wohnbau S. 198 Fig. 227), für die Anbringung eines provisorischen Festaufganges verwendet worden sein. Ob allerdings die Außentreppe als festlicher Aufgang wirklich geeignet war, muss dahingestellt bleiben. Zurück
  10. Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 342. Zurück
  11. Nordsiek, Kaufhaus S. 95; Vgl. Gengler, Stadtrechtsalterthümer S. 335. Zurück
  12. Gengler, Stadtrechtsalterthümer S. 336. Zurück
  13. Kimmig/Rüster S. 9. Zurück
  14. Moller, altdeutsche Baukunst S. 62ff.; Vgl. Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 340; Stiehl, Wohnbau S. 189. Zurück
  15. Schmoller, Strassburger S. 428. Zurück
  16. Schneider, Wandgemälde S. 11. Zurück
  17. Maurer, Kaufhaus S. 1; Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 315 und 325. Zurück
  18. Schälicke-Maurer, Kaufhaus S. 325. Zurück